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Plan A – Studentenwohnheim in Golm

Grundstein für Komplex mit 423 Plätzen auf größtem Campus der Universität Potsdam gelegt

Lange Planungsphase, zügiger Baufortschritt – am Montag wenige Minuten vor der Grundsteinlegung
Lange Planungsphase, zügiger Baufortschritt – am Montag wenige Minuten vor der Grundsteinlegung

Peter Heiß weiß Bescheid. »Das Wohnheim ist für Studierende zu Beginn ihres Studiums der Plan A«, sagt der Geschäftsführer des Studentenwerks Potsdam am Montag. »An einem Plan B hingegen scheitern nicht wenige, denn der Potsdamer Wohnungsmarkt bietet kaum Alternativen, die sich junge Menschen leisten können.«

Das Studentenwerk ist dabei, am Campus Golm der Universität Potsdam etwas Abhilfe zu schaffen. Ein altes Wohnheim mit 50 Plätzen an der Karl-Liebknecht-Straße ist im Herbst 2020 leergezogen worden. Das zweigeschossige ehemalige Kasernengebäude wurde 2021 abgerissen. Man hätte es nicht aufstocken können. Stattdessen entsteht an dieser Stelle jetzt ein vier- bis sechsgeschossiger Neubaukomplex mit Zimmern für 423 Studierende. Auch drei Wohnungen für Familien mit Kindern wird es geben. Peter Heiß kam 1974 zur Welt und lebte selbst mit seinen Eltern zunächst in deren »Studentenbude«, wie er sagt.

Der Neubau kostet 37 Millionen Euro. Die Hälfte der Summe gewährt das Land Brandenburg als Zuschuss, die andere Hälfte als Kredit. Zum Wintersemester 2025/26 sollen die Unterkünfte bezugsfertig sein. Im Moment steht im Rohbau endlich die erste Etage. Am Montag legt Heiß den Grundstein gemeinsam mit Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) und Infrastruktur-Staatssekretär Uwe Schüler (CDU). Auch eine Zeitkapsel wird verbaut. In sie kommen ein Schlüssel des abgerissenen Wohnheims, die alte Hausnummer, zwei Zeitungen vom Tage, die Baupläne und ein bisschen Kleingeld. Staatssekretär Schüler steuert ein paar Münzen bei. »Wir zahlen so viel Geld dafür, da kommt es darauf nicht mehr an«, bemerkt er schmunzelnd.

Ministerin Schüle erinnert sich, wie sie 1996 nach Potsdam zog, um Politikwissenschaften zu studieren. In Frankfurt (Oder) war sie mit ihrer Schwester bei der alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. »Zum ersten Mal im Leben muss man seine Wäsche allein waschen«, sagt Manja Schüle. Viel wichtiger: »Werde ich einen Wohnheimplatz bekommen? Das war damals für mich eine existenzielle Frage.« Die junge Frau fand ein Plätzchen für sich in einem Wohnheim an der Breiten Straße.

Doch heute können nur weniger als zehn Prozent der Potsdamer Studierenden beim Studentenwerk unterkommen – und mit dem neuen Heim wird die Quote allenfalls ein paar Prozentpunkte steigen. Im gesamten Land Brandenburg liegt sie bei 15 Prozent. Eigentlich hatten SPD, CDU und Grüne 2019 in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen, dass 20 Prozent der Studierenden in den Wohnheimen der Studentenwerke eine Bleibe finden sollen. Doch dieses Ziel werden sie bis zur Landtagswahl am 22. September klar verfehlen.

Tilman Kolbe appelliert deshalb an die künftige Landesregierung. Er ist studentischer Vertreter im Verwaltungsrat des Studentenwerks Potsdam, das auch für die Studierenden in Brandenburg/Havel und Wildau zuständig ist. »Studentischer Wohnraum war selten so knapp und so unbezahlbar wie heute«, beklagt Kolbe. Mit dem knappen Vorrat bereite der Staat den Boden für »sündhaft teure private Angebote«. Kolbe hat nachgeschaut: Bei einem dieser Wohnheime in Potsdam koste ein dort hochtrabend »Studio« genanntes Quartier 745 Euro im Monat – doppelt so viel, wie der Bafög-Satz fürs Wohnen vorsehe. Bei den Studentenwerken zahlt man in Brandenburg im Gegensatz dazu durchschnittlich 283 Euro im Monat.

»Wir werden hier nicht aufhören«, verspricht die Wissenschaftsministerin an der Baustelle, während im Hintergrund die Arbeiter fleißig werkeln. In der Stadtmitte von Potsdam soll später noch ein Wohnheim mit 80 Plätzen entstehen und ein weiteres bei den Roten Kasernen. Manja Schüle überlegt auch, man bräuchte eine Förderrichtlinie für den Wohnheimbau. Dazu ist zu sagen, dass dies in den Verantwortungsbereich des Infrastrukturministeriums fallen würde, was Manja Schüle und ihrem Ressort bewusst ist.

Die oppositionelle Landtagsabgeordnete Isabelle Vandré (Linke) kann kaum fassen, was sie hört. Noch im Januar hatte ihre Fraktion genau das beantragt. Der Vorschlag wurde von der Koalition abgelehnt. Infrastrukturminister Rainer Genilke (CDU) habe das damit begründet, dass es einer extra Förderrichtlinie nicht bedürfe, die für den sozialen Wohnungsbau reiche aus, erinnert sich Vandré. Sie wusste schon damals von Geschäftsführer Heiß, dass dem nicht so sei. »Ich finde es ein bisschen schade, dass wir jetzt vier Jahre gebraucht haben, um zu erkennen, dass die Wohnraumförderung für studentisches Wohnen nicht funktioniert«, sagt Vandré.

In Potsdam gebe es darüber hinaus schlicht das Problem, dass es an freien Grundstücken mangele. Das Land und die Stadt sollten bei ihren Liegenschaften nachsehen, ob sich da geeignete Flächen finden. Auch den Ankauf von Grundstücken sollten sie erwägen, meint die Abgeordnete. Sie ärgert sich, dass zuletzt private Heime aus dem Boden schossen und das Land Zeit vertrödelte.

Potsdamer Studierende haben gerade innerhalb einer Wochen 1000 Unterschriften für ihre Forderung gesammelt, dass das Studentenwerk diese privaten Heime in seine Regie übernehmen soll. Den Kaufpreis müsste das Land bezahlen. Weigern sich die Eigentümer, ihre Immobilien abzutreten, könnte man sie nach der derzeitigen Rechtslage leider nicht enteignen, bedauert Oppositionspolitikerin Vandré. Ihre Linksfraktion hatte im Jahr 2022 einen Gesetzentwurf in den Landtag eingebracht, der Enteignungen für soziale Zwecke ermöglicht hätte. Anlass war die Erfahrung mit der Josephinen-Wohnanlage in der Potsdamer Burgstraße. Hier wurden die Senioren quasi vor die Tür gesetzt. Nach Einschätzung von Vandré hätte der Gesetzentwurf der Linken, wenn er angenommen worden wäre, auch eine Enteignung von Grundstücken für den Bau von Studentenwohnheimen ermöglicht. Aber dieser Vorschlag wurde im Parlament ebenfalls abgeschmettert.

Ähnliche Schwierigkeiten wie die Potsdamer, eine Bleibe zu finden, haben Studierende der Technischen Hochschule Wildau. Kommilitonen der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, der Technischen Hochschule in Brandenburg/Havel und der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg haben es da einfacher. In Cottbus könnte es allerdings kompliziert werden, wenn es dort ab 2026 Medizinstudenten gibt. Für bis zu 1400 Studierende soll die geplante Universitätsmedizin ausgelegt werden. Vandré kündigt an, sich demnächst nach den erforderlichen Wohnheimplätzen zu erkundigen.

Am Freitag wird in Oranienburg Richtfest für ein Wohnheim mit 400 Plätzen gefeiert. Es ist für Zöglinge der Hochschule der Polizei gedacht.

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