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ESC-Star Nemo: Es gibt mehr als 0 und 1

Was ist denn da passiert? Beim ESC in Malmö siegte der beste Song

  • Jens Buchholz
  • Lesedauer: 6 Min.
Hurra, Nemo: Noch nie hat vorher eine nonbinäre Person den ESC gewonnen.
Hurra, Nemo: Noch nie hat vorher eine nonbinäre Person den ESC gewonnen.

Der sensationellste und intelligenteste Song des Eurovision Song Contest 2024 hat gewonnen! So etwas wie »The Code« von Nemo aus der Schhweiz hat es beim ESC noch nie gegeben. Der Song ist der Beweis, welche Qualität die Beiträge des ESC erreichen können. Eine Mischung aus Opernzitaten, Drum’n’Bass, Eurodance und Hip-Hop. Und obwohl der Song den klassischen Aufbau eines Popsongs hat, glaubt man beim Hören in ständig neue Klangkorridore einzutreten. Und was für eine unglaubliche Stimme Nemo hat: Die hohen Zauberflöten-Phrasen des Songs werden tatsächlich problemlos auch live dargeboten – unfassbar.

Noch nie hat vorher eine nonbinäre Person den ESC gewonnen. Und wie es ihr gelungen ist, sich während ihrer Performance auf einer rotierenden Scheibe zu halten und trotzdem alle Töne zu treffen, bleibt ein Rätsel. Der Song dreht sich darum, dass es mehr gibt als 0 und 1 oder schwarz und weiß. Ein Statement, das dem liberalen und glitzer-bunten Geist des ESC würdig ist. Vor allem in diesem Jahr. Auf Platz zwei landete der sichtlich enttäuschte Kroate Baby Lasagna mit seinem im Vorfeld lange die Wettquoten dominierenden Song »Rim Tim Tagi Dim«. Den dritten Platz konnte das Duo Alyona Alyona und Jerry Heil aus der Ukraine mit dem schwülstigen Lied »Teresa & Maria« erobern. Der von dem deutschen Teilnehmer Isaak stark performte Song »Always on the Run« erreichte mit Rang 12 das gediegene Mittelfeld. Vor allem die Jurys honorierten Isaaks Leistung. Das Zuschauervoting dagegen fiel mager aus.

Der Tag des Finales hatte mit einem Paukenschlag begonnen. Der niederländische »Friesenjung« Joost Klein wurde wegen eines angeblichen Übergriffs auf eine Kamerafrau nur wenige Stunden vor Beginn des Finales disqualifiziert. Sein Beitrag »Europapa« zählte zu den Favoriten. Entsprechend polarisiert nahm die Fangemeinde den Rauswurf auf. Was immer Joost Klein getan hat, sein federleichter Europop fehlte im Finale.

Das Motto des ESC »united by music« hätte diesmal problemlos durch »divided by politics« ersetzt werden können. Die European Broadcasting Union (EBU) bemüht sich seit Jahren, so zu tun, als sei der ESC unpolitisch. Aber das war er noch nie. Sei es der Ausschluss von Belarus und Russland, der Einsatz für Toleranz und Frieden oder das extrem queeraffine Klima, der ESC ist stets durch aktuelle politische Ereignisse und Diskurse geprägt gewesen. Diesmal drückte der Krieg in Gaza mit bleierner Schwere auf das Spektakel. Schon die Tatsache, dass die EBU die Teilnahme der israelischen Sängerin Eden Golan zuließ, sorgte bei anderen Teilnehmern für heftigen Protest.

Golans Team musste Titel und Text des Songs ändern. Der ursprüngliche Titel »October Rain« wurde als Anspielung auf den Terroranschlag der Hamas auf Israel vom 7. Oktober letzten Jahres verstanden. Die Statuten der EBU lassen keine politischen Äußerungen zu. In der Endfassung hieß der Song schließlich »Hurricane«. In Island wurde überlegt, ob man unter diesen Umständen überhaupt am ESC teilnehmen könne.

Seit dem Beginn der Semifinals gab es in Malmö massive Proteste. Sechs- bis achttausend Menschen protestierten in der Stadt gegen die israelische Teilnahme, teils mit äußerst hässlichen Parolen. Statt Partystimmung herrschte in Malmö ein aggressives, aufgeheiztes Klima. Ausgerechnet die Klimaschützerin Greta Thunberg verschärfte mit ihrer Teilnahme an den Protesten die ESC-Klimakatastrophe. Schon vorher hatte ihre Mutter, die Opernsängerin Malena Ernman, die 2009 beim ESC in Russland aufgetreten war, eine schwedische Künstlerinitiative gegen Israel mitinitiiert.

Die griechische Teilnehmerin Marina Satti stellte bei der Pressekonferenz zum zweiten Semifinale ihre Abneigung gegen Eden Golan im Stil eines bockigen fünfjährigen Kindes demonstrativ zur Schau. Im Gegensatz zu Joost Klein wurde sie für ihr unangemessenes Verhalten nicht disqualifiziert. Auch die Anwesenheit der schwedischen Kronprinzessin Victoria verhinderte nicht, dass im Finale gegen den israelischen Beitrag gepfiffen und gebuht wurde. Einige Zuschauer verließen während Golans Darbietung sogar den Saal. Palästina-Fahnen waren im Saal verboten, manche Zuschauer zeigten sie auf ihren Handys. Von den Jurys bekam »Hurricane« im Finale nur wenige Punkte. Erst das Zuschauervoting katapultierte den israelischen Beitrag auf Platz 5. Das war vor allem eine Solidaritätsbekundung.

Trotz all dieser Probleme lief das fast vier Stunden lange Finale reibungslos ab. In Erinnerung bleiben wird auf jeden Fall der live vollzogene Exorzismus der irischen Teilnehmerin Bambi Thug, während dem sich die Kinder unter den Zuschauern vermutlich vor Angst die Augen zugehalten haben. Schade auch, dass die originelle Empowerment-Promiskuitäts-Hymne »Zorra« (deutsch: »Schlampe«) der spanischen Senioreninterpretin Nebulossa von den Jurys und Fernsehzuschauern übersehen wurde. In Malmö sang da der gesamte Saal mit.

Mit dem 12. Platz für »Always on the Run« von Isaak scheint die viele Jahre anhaltende Serie letzter oder vorletzter Plätze für deutsche Teilnehmer endlich gebrochen. Seit Jahren arbeitet der NDR teilweise sehr mutig, teilweise eher verzagt an einem Konzept, einen deutschen Teilnehmer wieder in den vorderen Rängen des ESC zu platzieren. Im letzten Jahr wurde das mit einem Tiktok-Voting probiert, das dann aber den Sauflied-Sänger Ikke Hüftgold auf seiner eigenen Sangriawelle in den deutschen Vorentscheid spülte. Sein Sieg wurde gerade noch durch das Juryvoting verhindert. Statt ihm fuhren dann die düsteren Paradiesvögel von Lord of the Lost mit ihrem Song »Blood and Glitter« zum ESC – und belegten den letzten Platz. Zu Unrecht, denn dieses Lied war ein hervorragender Beitrag.

Das machte auch den NDR ratlos. Statt Tiktok versuchte es der Sender dieses Jahr mit der von Conchita Wurst und Rea Garvey gehosteten Castingshow »Ich will zum ESC«. Ein sympathisches Format, mit dem auch die sozialen Medien gut bespielt werden konnten, selbst wenn deren Gewinner Foryan beim deutschen Vorentscheid nur auf den vorletzten Platz kam. Dass der deutsche Beitrag in Malmö sich in diesem Jahr besser platzieren konnte, hat aber vor allem mit der beeindruckenden Leistung des Sängers Isaak zu tun. Der Contest insgesamt aber wird von den deutschen Medien nach wie vor ziemlich stiefmütterlich behandelt. Die Beiträge zum Vorentscheid haben kaum Airplay, die Berichterstattung ist ironisch und die Sendungen rund um den ESC werden auf späte Sendeplätze geschoben oder in Spartenkanäle verbannt.

Thorsten Schorn, der das ESC-Urgestein Peter Urban als Kommentator für die deutschen Zuschauer abgelöst hat, machte einen souveränen Job. Die beiden schwedischen Moderatorinnen Petra Mede und Malin Åkerman begleiteten die Fernsehzuschauer mit traditionell staatsfrauisch hölzernem Habitus durch die stets etwas seichten Moderationstexte. Zum fünfzigjährigen Jubiläum ihres Sieges in beim Grand Prix in Brighton geisterten sogar Abba als ebenso hölzern wirkende Avatare kurz über die Bühne und sangen ihren immer noch frisch wirkenden Siegertitel von 1974 »Waterloo«. Und Conchita Wurst durfte mit Charlotte Perrelli und Carola zum zehnjährigen Jubiläum ihres ESC-Sieges ein bisschen bei Abba mitsingen.

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