»Housing First« in Berlin: Immer mehr Wohnungsvermittlungen

In Berlin steigt die Anzahl der vermittelten Wohnungen, bleibt aber auf niedrigem Niveau

  • David Rojas Kienzle
  • Lesedauer: 3 Min.

»Housing First« nimmt Fahrt auf, aber sehr, sehr langsam. Von Mai 2023 bis Ende April 2024 konnten insgesamt 68 Mietverträge abgeschlossen werden. Das geht aus der Antwort der Sozialverwaltung des Senats auf eine Anfrage des sozialpolitischen Sprechers der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Taylan Kurt, hervor. Was auf den ersten Blick ernüchternd wirkt, bietet allerdings Grund zur Hoffnung: Bei allen sechs Trägern ist zu sehen, dass die Zahl der abgeschlossenen Mietverträge steigt. So konnte beispielsweise das vom Sozialdienst Katholischer Frauen getragene Projekt »Housing First für Frauen« von Mai 2023 bis Ende 2023 24 Wohnungen vermitteln, im Zeitraum von Januar bis Ende April 2024 allerdings schon ganze elf. Seit Projektstart 2018 konnte das Projekt 97 Mietverträge abschließen.

Mit dem Projekt »Housing First« werden obdachlose Menschen in Wohnungen vermittelt, ohne vorher wie sonst üblich in einem Stufenmodell ihre »Wohnfähigkeit« unter Beweis stellen zu müssen. Die Projekte richten sich an erwachsene wohnungslose Menschen, die multiple Problemlagen aufweisen und denen mit anderen Unterstützungsmaßnahmen nicht geholfen werden kann. Der Betreuungsaufwand ist dementsprechend höher. »›Housing First‹ ist wichtig und hat in der Wohnungslosenhilfe seinen Platz«, sagt Grünen-Politiker Kurt im Gespräch mit »nd«.

Kurt befürchtet allerdings, dass Doppelstrukturen entstehen. Vier Projekte sind erst Mitte 2023 gestartet, alle haben eine eigene Wohnungsakquise. Die neuen Projekte richten sich an spezifische Personengruppen: an chronisch kranke Menschen, an Familien aus der EU und an queere Obdachlose. Laut Senat tauschen sich alle Wohnungsscouts wöchentlich aus. Es gibt die Absprache, dass maximal zwei Wohnungsscouts gleichzeitig einen Vermieter kontaktieren. Durch den hohen Vernetzungsgrad unter den Projekten werde die Konkurrenzsituation abgemildert.

»Warum wird nicht eine zentrale Wohnungsakquise organisiert und die jeweiligen Projekte haben dann Belegungsrechte?«, fragt Kurt. Das Ziel müsse sein, mit den knappen Ressourcen möglichst viele Menschen in Wohnungen zu vermitteln. »Ich würde mir dafür mehr Monitoring und Koordinierung vom Senat wünschen.«

Der Bedarf an Wohnungen ist wesentlich höher, als die Projekte bedienen können. Eine offizielle Statistik darüber, wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben, gibt es nicht. Wohlfahrtsverbände schätzen aber, dass es zwischen 6000 und 10 000 sind. Dass der Andrang groß ist, zeigt sich auch daran, dass das mit zehn Vollzeitstellen größte Projekt aus dem Programm, »Housing First Berlin« von der Berliner Stadtmission, 2023 keine weiteren Personen mehr auf die Warteliste aufgenommen hatte. Denn Ende 2022 befanden sich bereits 250 Personen auf dieser.

Dem Erfolg der Projekte sind harte äußere Grenzen gesetzt. Der bekanntermaßen riesige Mangel an Wohnungen in Berlin betrifft Obdachlose besonders stark. »Es gibt sehr wenige Vermieter, die eine soziale Ader haben und an Obdachlose vermieten«, berichtet Grünen-Politiker Kurt. Der Wohnungsmarkt sei kaputt. Dazu seien die Hilfestrukturen für Menschen auf der Straße komplett überlastet. »Deswegen sieht man immer mehr Menschen in krassen Problemlagen auf der Straße.« Umso wichtiger ist ein koordiniertes Vorgehen, findet Kurt. »Wir müssen ein Hilfssystem aufstellen, in dem eines ins andere greift.«

Hinweis: Der Zeitraum, in dem die Mietverträge der Projekte abgeschlossen wurden, war in der ursprünglichen Fassung des Artikels falsch angegeben. Dieser Fehler wurde korrigiert.

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