Berlin: Der Osten ist dem Westen voraus

Die Zahl der Organspender*innen liegt in Berlin weitaus höher als in Bayern

Ein Organspendeausweis ist für viele Menschen eine niedrigere Hürde als ein Eintrag ins digitale Organspenderegister.
Ein Organspendeausweis ist für viele Menschen eine niedrigere Hürde als ein Eintrag ins digitale Organspenderegister.

Täglich sterben drei Menschen, die potenziell hätten gerettet werden können – denen aber ein funktionierendes Organ fehlte. Zurzeit hoffen bundesweit 8400 Menschen auf eine Organtransplantation, 6000 davon und damit die allermeisten auf eine Niere. Mit einem Sprung Abstand kommen Leber und Herz, hier fehlen 700 bis 800 Organe.

Die Zahl der Spendewilligen ist bei Weitem nicht so hoch: Im vergangenen Jahr gab es bundesweit lediglich 965 postmortale Spender*innen, die Zahl hat sich seit 2014 kaum verändert. »Das Problem drängt«, sagt Tobias Schulze (Linke) im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses am Montag. Andere europäische Länder – allen voran Spanien mit einer Widerspruchslösung – seien Deutschland voraus. In Spanien wird eine Zustimmung zur Organspende im Todesfall vorausgesetzt. Wer dies nicht wünscht, muss vorher aktiv widersprechen. Der Effekt dieser Maßnahme spiegelt sich in der Statistik: Während in Spanien auf eine Million Einwohner*innen über 40 postmortale Organspenden fallen, sind es hierzulande gerade einmal zehn.

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Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), vergleicht die Zahl der Spender*innen mit einer »Börsennachricht«: Es gehe immer mal ein wenig hoch oder runter, doch im Grunde passiere nichts. Was erstaunlich ist, denn eine repräsentative Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab, dass 84 Prozent der Befragten dem Thema Organspende positiv gegenüberstehen. Es mangele allerdings am Besitz eines Organspendeausweises, an einem Eintrag in das neue digitale Organspenderegister oder an der Zustimmung der Angehörigen.

»Die Frage nach der Organspende sollte eigentlich keine schwierige Frage sein«, betont Rahmel mit Blick auf Spanien. Denn dort werde sie als Chance betrachtet, nach dem Tod noch Leben schenken zu können. Dafür müsse die Politik Signale setzen und einen gesellschaftlichen Wandel erreichen. Das setze auch ein Umdenken in den Krankenhäusern voraus: Denn während Kliniken überlastet sind, hat die DSO die Möglichkeit, mit medizinischer Expertise das Gespräch mit den Angehörigen bezüglich einer Organspendeberatung zu suchen. Die DSO müsse lediglich frühzeitig eingebunden werden.

Interessant ist der regionale Vergleich. Während im Norden und Osten die Zahl der Organspenden höher liegt, schneiden westliche Bundesländer deutlich schlechter ab. In Berlin lag 2023 der Anteil der Organspender*innen bei 39 Prozent und damit elf Prozentpunkte höher als im Bundesdurchschnitt.

Rahmel erklärt, dass er im Laufe der Jahre eine schrittweise Angleichung der Länder beobachte, allerdings in die falsche Richtung: So sei die Spendenbereitschaft im Osten vor 20 Jahren höher gewesen, als es dort noch die Widerspruchslösung gab. Für ihn ein Grund, diese wieder einzuführen.

Carsten Ubbelohde von der AfD spricht von einer »Organspende durch die Hintertür« und kritisiert, dass die Widerspruchslösung mit der »Nachlässigkeit der Bürger« spiele. Rahmel hält dagegen: Anders als oft angenommen, sei die Widerspruchslösung »keine Pflicht zur Organspende«, sondern die Pflicht, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Und dies, so Rahmel, sei der Bevölkerung durchaus zumutbar.

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