Verkehrsunfälle in Berlin: Keine unvermeidliche Tatsache

Berlins Regierung tut wenig dagegen, dass jedes Jahr Dutzende von Menschen durch Autos getötet werden, kritisiert Nathaniel Flakin

Überall in Berlin erinnern »Ghost Bikes« an Verkehrsunfälle, bei denen Radfahrer*innen ums Leben gekommen sind.
Überall in Berlin erinnern »Ghost Bikes« an Verkehrsunfälle, bei denen Radfahrer*innen ums Leben gekommen sind.

Im vergangenen Jahr wurden in Berlin ein Dutzend Radfahrer*innen und knapp ein Dutzend Fußgänger*innen von Autos überfahren. Erst vor zwei Monaten wurden eine Mutter und ihr vierjähriger Sohn von einem Raser überfahren. Die Gerichte neigen dazu, Totschlag im Straßenverkehr als Kavaliersdelikt zu betrachten: Ein Autofahrer, der gegen das Gesetz verstößt und jemanden tötet, erhält oft nicht mehr als eine Bewährungsstrafe. Wie ein Vater sagte, nachdem seine 11-jährige Tochter überfahren worden war: »jeder Autofahrer [hat] ein totes Kind frei.«

Berlins Regierung kümmert das anscheinend wenig. Während andere Städte eine »Vision Zero« haben, die darauf abzielt, alle Todesfälle durch Autos zu stoppen, arbeitet Kai Wegners Senat in die entgegengesetzte Richtung und versucht, Radwege abzubauen und das Tempolimit zu erhöhen.

Und doch: Es gibt kleine Anzeichen für Fortschritte auf lokaler Ebene. Vor drei Jahren beschloss die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung die Einrichtung von Kiezblöcken. Das ist ein System zur Reduzierung des Durchgangsverkehrs in Wohnvierteln. In den vergangenen Jahren hat sich das Problem deutlich verschärft, denn Google Maps schickt Autofahrende auf Abkürzungen durch einst friedliche Straßen.

Red Flag

»Red Flag« ist eine Kolumne über Berliner Politik von Nathaniel Flakin. Sie erschien von 2020 bis 2023 im Magazin »Exberliner« und fand ein neues Zuhause bei der Zeitung »nd« – als deren erster Inhalt, der auch auf Englisch zu finden ist. Nathaniel ist auch Autor des antikapitalistischen Reiseführers Revolutionary Berlin.

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Ich wohne in Rixdorf, einem böhmischen Dorf aus dem 18. Jahrhundert, das zum Kern von Neukölln wurde – man kennt es vielleicht wegen seines charmanten, nicht kommerziellen Weihnachtsmarktes. Tausende von Autos rumpeln jeden Tag die kopfsteingepflasterten Straßen hinunter und versuchen, die fast permanenten Staus auf den benachbarten Durchgangsstraßen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee zu umfahren.

Der Kiezblock Rixdorf wird nur drei Straßen mit Pollern absperren und eine weitere zur Einbahnstraße machen. Diese kleinen Veränderungen sollen ein Durchqueren des Kiezes unmöglich machen, auch wenn jede Adresse weiterhin mit dem Auto erreicht werden kann. Dies wurde bereits im Reuterkiez umgesetzt und wird derzeit auf andere Teile Neuköllns ausgeweitet.

Autos sind von Grund auf undemokratisch: Eine Minderheit von Menschen darf den Großteil des öffentlichen Raums monopolisieren. Stellen Sie sich vor, wie breit die Straßen Berlins früher waren, bevor sie mit zwei Reihen von Blechkisten vollgestopft wurden, die jeden Tag 23,5 Stunden lang stillstehen. Früher waren die Straßen zum Flanieren und Verweilen da.

Im Jahr 2019 wurden weniger als zehn Meter Straße am Böhmischen Platz in der Nähe meines Hauses abgesperrt. Plötzlich war der Platz voller Leben: Den ganzen Tag über essen Kinder Eis und spielen mit Kreide, während Erwachsene Bier trinken und Tischtennis spielen. Das ist Urbanität – und das war vorher völlig unmöglich, nur damit ab und zu ein Auto vorbeifahren konnte.

Es ist mehr als eineinhalb Jahre her, dass ich das letzte Mal über die Pläne für einen Kiezblock rund um mein Haus geschrieben habe. Die Neuköllner Bürokratie unter dem angeblich »grünen« Verkehrsstadtrat Jochen Biedermann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen – seit mehr als vier Jahren »arbeiten« sie an einem Radweg in der Hermannstraße! Mein Kind war noch nicht einmal geboren, als diese Maßnahme beschlossen wurde, und ich frage mich, ob sie fertig werden, bevor mein Kind Fahrrad fahren kann.

Doch nun sind wir dem Kiezblock vielleicht doch näher gekommen: Die letzten Informationen besagen, dass sie in einem Monat aufgestellt werden könnten, wo sie doch eigentlich schon vergangenes Wochenende aufgestellt werden sollten. Bis zum Ende des Sommers könnte es dann keine Staus mehr vor meinem Haus geben.

Aber wir brauchen mehr als Kiezblocks. Kinder sollten sicher auf die Straße gehen können – und das bedeutet, dass wir die Autos loswerden müssen. Der Lärm und die Verschmutzung machen das Stadtleben kaputt. Natürlich brauchen manche Menschen in Berlin ein Fahrzeug, um sich fortzubewegen. Ein Golfwagen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h reicht aus – niemand braucht einen Geländewagen, der 200 km/h oder mehr fahren kann.

Im autobesessenen fossilen Kapitalismus nehmen wir erstaunlich viele Todesfälle als unvermeidliche Tatsache hin. Doch wie andere Städte zeigen, könnte Berlin das Töten stoppen – wenn wir nur eine Regierung hätten, die die Menschen so sehr liebt wie die Autos.

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