re:publica: Digitalpolitisches Allerlei

Anne Roth lässt die Digitalkonferenz re:publica revue passieren.

Der ultimative Diss für die »größte Konferenz ihrer Art in Europa« (Digital-Festival re:publica über sich selbst) ist wohl, wenn der jahrelange Headliner Sascha Lobo am letzten Tag der Konferenz seine Spiegel-Kolumne veröffentlicht und die re:publica mit keinem Wort erwähnt. Auch sonst ist dem Spiegel das Ganze keine Zeile wert.

Vielleicht hat er ja auch nur das diesjährige Motto ernstgenommen. »Who cares?« Eine lustige Wortspielerei, die den Haken hat, dass die eine Bedeutung davon in etwa ist: »Mir doch egal«.

(Wenn ich mir für die Zukunft etwas wünschen dürfte, dann dass sich Veranstaltungen, die kein richtiges Thema haben, nicht mit Wortspielchen aus der Affäre ziehen. Schönen Gruß an alle, die in Versuchung geraten, das Wort ›Macht‹ im Titel zwischen zwei Substantiven unterzubringen.)

Die re:publica wollte mit der zweiten Bedeutung (»care« = pflegen, kümmern) andeuten, dass sie eine Kümmerer-Konferenz ist, bei der alle aufgerufen sind, sich über irgendwas Gedanken zu machen. »Die, die sich jetzt kümmern müssen, sind wir«, schreibt sie auf der Website, die das Motto erklärt. Wer hätte gedacht, dass diese Konferenz mal so viel Parallelen zur Partei DIE Linke zeigen würde. Die wäre ja auch gern eine Kümmerer-Partei.

Anne Roth

Anne Roth gehört zu den Pionierinnen linker Netzpolitik. Für »nd« schreibt sie jeden ersten Montag im Monat über digitale Grundrechte und feministische Perspektiven auf Technik.

Gekümmert werden sollte sich um die »Kinder von heute«, die »Technologien von morgen«, um die Zukunft und den demografischen Wandel und die Auswirkungen von Kriegen und Klimakrise, also irgendwie um alles. Wobei sich dafür, dass es laut Pressemitteilung zum Programm explizit um die Kriege in Europa gehen sollte (ich nehme an, der Plural bedeutet, dass der Nahe Osten irgendwie mitgemeint war), erstaunlich wenig zur Ukraine, Israel oder Gaza im Programm stand. Zu kontrovers sollte es vielleicht doch nicht werden. Auch Antisemitismus wurde eher ausgeklammert. Beide Kriege wurden auf der großen Bühne beim Gespräch mit Annalena Baerbock kurz angeschnitten, aber Fragen, die die Außenministerin aus der routinierten Ruhe gebracht hätten, gab es keine. Warum eigentlich nicht? Es gäbe ja genug: Mittelmeer, Kinder in Lagern an Außengrenzen, Visa für Ortskräfte in Afghanistan.

Sie war nicht die einzige Ministerin, die Bundesregierung nutzte die Gelegenheit zum Schaulaufen gern: Im Programm standen sechs Minister*innen und fünf Staatssekretär*innen. Dazu die EU-Kommissionspräsidentin, die SPD-Parteivorsitzende und ein Ex-Bundespräsident, und auch der Berliner Senat war reichlich vertreten. Oppositions-Politiker*innen habe ich im Programm keine gefunden.

Schon in der Vergangenheit wurde debattiert, ob es einer Veranstaltung, die gern die kritische digitale Öffentlichkeit abbilden möchte, so gut zu Gesicht steht, wenn der Bundeskanzler die Moderatorin für seinen Talk selbst mitbringt. Diesmal haben die Macher*innen der Konferenz die Fragen gestellt, aber, wie ein Besucher abends breit grinsend fragte: »Machen die das etwa als PR und nicht als Streitgespräch mit Erkenntnisgewinn?!« Die Bundesregierung fördert die re:publica plus Jugend-Konferenz Tincon nicht zu knapp, 2023 mit 370.000 Euro. Wäre doch schade, wenn es das Geld nicht mehr gäbe.

Es gibt mit Sicherheit Schlimmeres, wofür es ausgegeben werden könnte, aber so ist eben auch die re:publica eine Veranstaltung, bei der die Geldgeber*innen Teile des Programms mitbestimmen und freundlich begleitet zur Selbstdarstellung nutzen. Nicht nur Ministerien, sondern auch Medien (nur halt nicht der Spiegel), Unternehmen, Plattformen. Selbst Tiktok. Die durften unschuldig erklären, dass sie sich aber ganz viel Mühe geben mit der Content-Moderation für Jugendliche.

Who cares, könnten wir sagen. So ist das eben. Dafür gab es noch jede Menge anderes Programm quer durch den digitalen Garten und das auf so vielen Bühnen gleichzeitig, dass alle ständig den Eindruck hatten, das spannende Programm zu verpassen, das womöglich irgendwo anders stattfand.

Es gab allein 39 Keynotes, also Vorträge, die zentrale Fragestellungen oder Ideen einer Konferenz behandeln. Die re:publica 2024 hätte nicht deutlicher machen können, dass sie kein Thema mehr hat, außer vielleicht den digitalen Aspekten der aktuellen politischen Themen.

Die thematische Breite jedenfalls führte dazu, dass sich einige die Frage stellten, worum es überhaupt ging. In den Gesprächen, die ich auf dem Hof hinter der Veranstaltung führte, wurde ein Thema, eine Fragestellung, ein roter Faden vermisst. Aus der Konferenz, die mal gemeinsam zentrale Fragen rund ums Netz diskutierte und netzpolitische Weichen stellte, ist ein digitales Wohlfühl-Festival für Leute geworden, denen irgendwer das Ticket bezahlt. Bleibt zu hoffen, dass eine neue Generation nachwächst, die weiß, was sie will.

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