In den Borzeln verloren

Thomas Lehrs Hommage an Kafka öffnet uns mit Kopflosen, allerlei Kryptik und einem glücklichen Orpheus ein Fenster zur Hoffnung

  • Björn Hayer
  • Lesedauer: 4 Min.
War es vielleicht besser für Orpheus, seine geliebte Eurydike verloren zu haben?
War es vielleicht besser für Orpheus, seine geliebte Eurydike verloren zu haben?

Nahezu alle Leser*innen fragen sich nach der Lektüre des Romanfragments »Der Prozess«: Warum ist der »Mann vom Lande« nur vor dem Tor sitzen geblieben? Warum ist er nicht eingetreten, vorbeigegangen an dem Wächter? Zumal der Zugang zum Gesetz ja nur für ihn allein bestimmt gewesen sei. War er vielleicht einsam und suchte die Nähe des Wächters? Trug er möglicherweise eine von keinem Richter verzeihbare Schuld mit sich? Oder mangelte es ihm einfach an Courage und Selbstsicherheit? Die sogenannte Türhüterparabel strahlt in alle Texte des 1883 in Prag geborenen Franz Kafka aus. Immer handeln sie von Ausgrenzung, Macht und Ohnmacht, und dem sämtlicher Gewissheiten verlustig gewordenen Subjekt der Moderne.

Zu kaum einem anderen Autor wurde daher ob seiner Rätselhaftigkeit so gründlich, ja schon über jegliches Maß hinaus geforscht. Sich ihm also auf dem Wege neuer Interpretationen zu nähern, mutet mühselig an. Wohl auch deswegen hat sich der Schriftsteller Thomas Lehr in seiner Hommage an den Jubilar auf die Kraft eigener Texte verlassen. Zwar greifen sie nicht unmittelbar die Geschichten des Surrealisten auf, sind jedoch auf das Engste mit ihnen verknüpft, in Inhalt, Motivik und Stilistik.

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Bereits die erste Erzählung des Bandes »Kafkas Schere« hätte durchaus auch aus der Feder des Bewunderten stammen können: Eine Gruppe Kopfloser eilt durch eine Landschaft, stets verfolgt von einem Hunderudel. Gehen erstere langsamer, passen sich letztere an, oder umgekehrt. Je länger man liest, desto bewusster wird einem: Auf eine gewisse Weise brauchen die Menschen offenbar die gefährlichen Tiere. Und schon ist auch er irgendwie wieder im Raum, dieser Türwächter, der sich ohne den letztlich vor seinen Füßen zugrunde gehenden Bittsteller wahrscheinlich selbst nie an diesem Platz aufgehalten hätte. Warum? Weil wir es bei Kafka und auch bei Lehr eben nie mit Geschichten aus dem Leben, fußend auf Logik und Vernunft, zu tun haben. Stattdessen sind wir in Innenwelten geworfen, Alptraumszenerien, so bedrohlich wie bisweilen grotesk.

Dadurch sehen wir Gewöhnliches oder Altbekanntes anders, wie etwa die Legende von Orpheus und Eurydike. Warum der Halbgott sich nach seiner Geliebten beim Aufgang aus der Unterwelt umsah und warum es vielleicht am Ende für ihn sogar besser war, sie verloren zu haben, darüber lässt Lehr die nebeneinander schwimmenden Köpfe der Toten im Fluss des Vergessens sinnieren. Im Styx glauben manche, dass dem Sänger dadurch die Desillusionierung durch das Altern der Angebeteten erspart geblieben ist. Die Unerlösten deuteln letztlich so lange vor sich hin, bis sich am Ende die Unglücks- in eine Glücksstory verkehrt hat. Von diesen Invertierungen finden sich zahllose in Kafkas komischem Kosmos. Man denke an die Freiheitsstatue, die in »Amerika« statt einer Fackel das Schwert trägt und damit Kampf statt Frieden signalisiert, man denke an all die armseligen Gestalten wie den Heizer, die sich mit ihrem Los teils sogar zufriedengeben.

Besonders sticht aus diesem Reigen der Anspielungen übrigens Lehrs Miniatur »Angriff« hervor. Hierin erwartet ein nicht näher greifbares und an Kafkas abstrakten Odradek erinnerndes Wesen seine Wiedergeburt in einer fernen Galaxie. Dort wird »fleZZiert« und über die »Samurische Ethik« nachgedacht oder sich mitunter »in den Borzeln verloren«. Was man unter alledem konkret versteht? Es ist wohl ein Triumph der Kryptik, allerdings ein sehr unterhaltsamer, über den sich Kafka – »Weißgrott« – sicherlich sehr amüsiert hätte.

Manche mögen nun fragen: Und verstehe ich dann das Ganze überhaupt? Die Antwort lautet: Nein. Thomas Lehrs Werk ist so klug, dass es uns voll und ganz der kafkaesken Sinnlosigkeit der Welt aussetzt. Doch es keine Erklärungen gibt, suchen wir umso mehr nach ihnen. Und vielleicht eröffnet sich gerade in dieser Unstetigkeit das schmale Fenster für die Hoffnung. Wie weit wir es öffnen, ob wir uns trauen hindurchzugehen – diese Entscheidung überlassen uns diese beiden großen Autoren ganz allein.

Thomas Lehr: Kafkas Schere. Wallstein, 83 S., geb., 18 €.

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