»Woche der Umwelt«: Untertöne in der Kaffeeschlange

Melanie Jaeger-Erben über die »Woche der Umwelt« im im Schlosspark Bellevue

Uwe Schneidewind (l.), Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal, Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) und Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des »Tagesspiegel«, auf der diesjährigen »Woche der Umwelt«
Uwe Schneidewind (l.), Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal, Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) und Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des »Tagesspiegel«, auf der diesjährigen »Woche der Umwelt«

Diese Woche war die »Woche der Umwelt«. Ein alljährlich stattfindendes, mehrtägiges Event, bei dem auf Einladung vom Bundespräsidenten im Schlosspark Bellevue ein Schaulaufen der Umweltengagierten in Gesellschaft, Wirtschaft und Forschung stattfindet. Rund 190 Ausstellende und etliche mit zum Teil Polit-Promis besetzte Veranstaltungen präsentierten in diesem Jahr ein riesiges Spektrum an neuen Ideen – vom Holzhochhaus über Wildkatzenwälder hin zum Drohneneinsatz für die Umweltüberwachung und High-Tech-Anlagen zur Phosphor-Wiedergewinnung. Graswurzelakteure tummeln sich hier neben Automobilkonzernen, freshe Start-Ups stellen ihre Ideen neben Veteran*innen der Umweltingenieurwissenschaften aus. Es wird bewundert, beworben, begeistert und sich immer wieder auch mal gegenseitig auf die Schulter geklopft.

In Anbetracht dieser Reizüberflutung entsteht schnell der Eindruck: Wow, läuft doch! So viele gut gelaunte Menschen mit gut gemeintem Engagement und gut durchdachten Ideen zur Rettung oder zumindest Schonung der Umwelt – da scheint die Wende zur Nachhaltigkeit geritzt. Doch in die Diskussionsrunden und Gespräche in der Kaffeeschlange mischten sich immer wieder besorgte, kritische oder gar verärgerte Untertöne: Wieder ist ein Jahr nach der vergangenen »Woche der Umwelt« vergangen, in dem die große Wende ausgeblieben ist, die Klimaziele in noch weitere Ferne gerückt sind und die Bevölkerung noch skeptischer gegenüber einer Transformation zur Nachhaltigkeit geworden ist, obwohl eine härtere Gangart in der Klimapolitik noch gar nicht eingelegt wurde.

Melanie Jaeger-Erben

Prof. Melanie Jaeger-Erben lehrt Technik- und Umweltsoziologie an der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg.

Also mehr Schein als Sein? Lässt sich die Umwelt-Community hier gar vor einen Karren spannen, damit Politik und Wirtschaft sich greenwashen können? Ja und nein. Natürlich sind solche Veranstaltungen auch die Inszenierung eines Utopia, die manche ansonsten eher wenig umweltorientierte Akteure instrumentalisieren können. Gleichzeitig sind sie ein Markt der Ideen, Möglichkeiten, der Inspiration und Vernetzung. Sie sind eine Selbstvergewisserung, dass die eigenen Aktivitäten nicht nur Einzelkämpfer*innentum sind, sondern dass es Räume und Arenen gibt, in denen die eigenen Lösungsexperimente auch mal beklatscht werden.

Denn klar ist: Eine Transformation unserer bisherigen Formen des Wirtschaftens, Produzierens und Konsumierens birgt unendlich viele Aufgaben. Nahezu jeder Industriesektor, jeder Alltagsbereich und jeder gesellschaftliche Raum wären sowohl von den Anstrengungen zur Vermeidung des Klimawandels als auch vom Klimawandel selbst betroffen. Da braucht es vermutlich nicht nur 190 Ausstellende, sondern 190 000, nicht nur eine »Woche der Umwelt«, sondern ein ganzes »Jahrzehnt der Umwelt«.

Eigentlich müssten alle Aktivitäten, die ernst gemeint der Umwelt- und Ressourcenschonung, der nachhaltigen Produktions- und Konsumweise und der sozial-ökologischen Gerechtigkeit dienen, eine ständige Bühne haben. Sodass es auch im letzten Winkel der Gesellschaft ankommt, dass viele Akteure dranbleiben, die gemeinsamen Jahrhundertaufgaben im Bereich (Nicht-)Nachhaltigkeit zu lösen.

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