»Marzahn Pride« für mehr Sichtbarkeit queeren Lebens

Zum fünften Mal zieht die »Marzahn Pride« durch die Straßen von Nordost-Berlin

  • Robin Maxime Pohl
  • Lesedauer: 3 Min.
Ausgelassene Stimmung auf der »Marzahn-Pride« am vergangenen Samstag.
Ausgelassene Stimmung auf der »Marzahn-Pride« am vergangenen Samstag.

Am Samstagmittag bahnen sich gerade die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Regenwolken, als sich die »Marzahn Pride« am S-Bahnhof Poelchaustraße in Bewegung setzt. Zum fünften Jubiläum der Straßenparade sind 450 Menschen gekommen. Unter dem Motto »Queer wie Freiheit« ziehen sie mit wehenden Regenbogenfahnen und gutgelaunt durch den Plattenbaukiez. Die anschließende Festveranstaltung auf dem Victor-Klemperer-Platz lockt über 1500 Personen an.

Die »Marzahn Pride« ist ein etabliertes Zeichen queerer Selbstermächtigung im Ortsteil. Darüber hinaus macht die Parade auf die Situation von LGBTIQ*-Rechten weltweit aufmerksam, will so die Interessen von Menschen einbeziehen, die sich als homo-, trans- oder intersexuell begreifen. Etliche Teilnehmende sind kostümiert oder geschminkt und halten die Progressive-Pride-Flagge in die Luft. Anders als die klassische Regenbogenfahne soll sie die besondere Situation von nicht-weißen Queers und Queers mit Migrationshintergrund hervorheben.

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Aufgerufen zur Pride hat Quarteera e.V., ein Verein für russischsprachige LGBTIQ*. »Quarteera kümmert sich seit 2022 verstärkt um Flüchtlinge, die aus der Ukraine kommen sowie russische LGBTIQ*, die wegen der Gesetze, die in Russland verabschiedet wurden, fliehen mussten«, sagt Dmitrij Paramonov von Quarteera dem »nd«. Nach der Ankunft in Deutschland sei es nicht leicht für LGBTIQ*. Die Zustände im Ankunftszentrum Tegel und in vielen Unterkünften für Geflüchtete in der Stadt seien ein Problem. Es gebe Menschen, die sich sagen: »Lieber übernachte ich auf dem Hauptbahnhof oder fahre zurück in die Ukraine und werde von einer Rakete umgebracht, als dass ich weiter in Tegel bleibe.«

Neben den globalen Zielen versucht die Parade auch unmittelbar in den Kiez zu wirken. »Wir wissen, dass in Marzahn viel AfD gewählt wird«, sagt Paramonov. Dies sei ein Grund, die Veranstaltung gezielt im Plattenbaugebiet und nicht in der Innenstadt zu organisieren.

Ob Pöbeleien oder queerfeindliche Schmierereien an der Aufzugstrecke, immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Anfeindungen gegen die Marzahner Pride. Paramonov erinnert sich, dass 2023 Eier von Balkonen geworfen und Teilnehmer*innen in einem Supermarkt queerfeindlich angegangen worden seien. Auch Mitglieder der Neonazipartei Dritter Weg hätten im letzten Jahr auf der Pride provozieren wollen. Sie seien aber von Antifaschist*innen erkannt und mit einem Transparent eingewickelt worden.

Anfeindungen gegen LGBTIQ* nehmen an vielen Orten der Stadt zu. Deshalb seien lokale Unterstützungsstrukturen wichtig. »Es ist nicht schlimmer als anderswo in Berlin«, sagt Paramonov über Marzahn. »Es gibt auch viel Unterstützung vor Ort.«

Auch 2024 winken viele Menschen der Parade zu. Sie ist ein Ereignis im Kiez. An Straßenbahnstationen beginnen wartende Fahrgäste spontan zur Musik zu tanzen. Erstmals gibt es keine Anfeindungen auf der Wegstrecke. Am Vorabend jedoch, klebten hunderte Sticker vom Dritten Weg entlang der Route. Noch vor Beginn der Parade waren die Aufkleber sowie rechte Graffitis und ein queerfeindliches Transparent von Antifaschist*innen von vor Ort entfernt worden. Nach dem Ende der Pride kam es laut Polizeiangaben zu einem gewaltsamen Übergriff: Teilnehmenden sei am S-Bahnhof Marzahn eine Flagge gewaltsam entwendet worden.

Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf sorgen diverse Initiativen für mehr Sichtbarkeit queeren Lebens. Sie alle seien wichtig, betont Alfonso Pantisano, der Queer-Beauftragte des Landes Berlin auf der Abschlusskundgebung: »Ihr seid wunderschön, wie ihr seid. Ihr seid großartig, wie ihr seid. Und ihr seid richtig, so wie ihr seid.« Die »Marzahn Pride« wird als politisches Zeichen im Kiez auch in den kommenden Jahren nicht an Relevanz verlieren.

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