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Georgien sucht das gemeinschaftliche Glück bei der Fußball-EM

Die Nationalmannschaft spielt ihr erstes großes Turnier – ein Erfolg, der das Land einen kann

  • Daniel Theweleit, Velbert
  • Lesedauer: 4 Min.
Georgiens Verbandschef und Parlamentarier: Lewan Kobiaschwili
Georgiens Verbandschef und Parlamentarier: Lewan Kobiaschwili

Die Sinnsprüche, mit denen die Verbände ihre Turniere betiteln, sind oft inhaltsleer, auch das allgegenwärtige »United by Football« dieser Europameisterschaft wirkt konstruiert. Aber auf dem Bus der georgischen Nationalmannschaft, die an diesem Dienstag mit einem Duell gegen die Türkei ins Turnier einsteigt, ist der Slogan »Georgien is united by Football« eine treffende Beschreibung. Man hoffe tatsächlich, dass der Fußball einende Kräfte entfalten kann, sagt Lewan Kobiaschwili, der Präsident des nationalen Fußballverbandes.

Als sich die Georgier im März im Playoff-Duell gegen Griechenland zum ersten Mal überhaupt für ein großes Turnier qualifizierten, erlebte die Nation einen denkwürdigen Moment des gemeinschaftlichen Glücks. »Auch die Menschen, die politisch auf unterschiedlichen Seiten stehen, kamen zusammen und haben sich gemeinsam gefreut«, erzählt Kobiaschwili. »Das zeigt, dass Fußball viel, viel mehr ist als die 90 Minuten.« Ähnliches wünscht sich der frühere Bundesligaspieler vom SC Freiburg, Schalke 04 und Hertha BSC nun auch für das EM-Turnier – denn Georgien ist ein Land in Aufruhr. Die Mehrheit der Bevölkerung würde eine Annäherung an Westeuropa begrüßen, offiziell strebt auch die Regierungspartei Georgischer Traum Richtung EU. Allerdings wurden einige Wochen nach der kollektiven Fußballparty in den Straßen von Tiflis an gleicher Stelle proeuropäische Demonstrationen mit Tränengas und Knüppeln bekämpft.

Die Menschen gingen gegen ein von der Regierung beschlossenes Gesetz auf die Straße, das bedenkliche Ähnlichkeiten zur Verordnung gegen »ausländische Agenten« aufweist, mit dem Wladimir Putin demokratische und prowestliche Aktivitäten in Russland unterdrückt. Kobiaschwili, der nicht nur Fußballfunktionär, sondern auch Abgeordneter von Georgischer Traum im Parlament ist, hat wie seine gesamte Fraktion für das »russische Gesetz« gestimmt, während Nationalspieler Giorgi Tschakwetadse vom FC Watford bei Instagram schrieb: »Zieht das Gesetz zurück, dann können wir vereint leben wie am 26. März.«

Der 26. März war der Tag des Glücks, als die EM-Qualifikation gelang, der Tag über den Kobiaschwili sagt: »Ich habe in meinem Land noch nie so viele glückliche Leute gesehen.« Nun steht er in einem schmucklosen Raum im Stadion der SSVg Velbert im Bergischen Land, wo sein Team während der EM trainiert. Seine Rolle als Politiker soll hier nicht in den Mittelpunkt geraten, vor einem Gespräch mit Journalisten weist die Pressesprecherin darauf hin, bitte keine Fragen zu Themen jenseits des Fußballs zu stellen. Wo Kobiaschwili in der politischen Debatte wirklich steht, bleibt daher unklar. Als Spieler bei Schalke hat er sich einmal geweigert, mit dem Schriftzug des russischen Staatskonzerns Gazprom auf dem Trikot anzutreten, nachdem die Russen 2008 Georgien angegriffen hatten. Als Verbandschef sagte er mal: »Wir als georgischer Fußballverband und ich als Präsident stehen ganz klar für den europäischen Kurs. Es gibt keine Alternative.«

In Velbert erzählt er lieber von dem »Rucksack«, den er seit Jahren mit sich herumtrage. In den Nullerjahren spielte er selbst in einem starken georgischen Nationalteam, aber ohne Turnierteilnahme. »Vielleicht hatten wir in der Vergangenheit bessere Einzelspieler, aber wir haben nie ein Team gehabt. Heute ist das anders«, sagt er. Diesen Gemeinschaftssinn versuche er durch eine harmonische Verbandsarbeit vorzuleben, in der Alexander Iaschwili, ein Kindheitsfreund und früherer Mitspieler in Freiburg, eine zentrale Rolle einnimmt.

Iaschwili ist Vizepräsident des Verbandes, gemeinsam haben die beiden den georgischen Fußball modernisiert. Die Liga wurde von 16 auf 10 Vereine verkleinert, um die Leistungsdichte zu erhöhen, es wurden Jugendakademien gegründet und Stadien modernisiert. Und mit dem ehemaligen Weltklassespieler Willy Sagnol wurde ein passender Trainer gefunden. »Willy hatte vorher keine überragende Trainerkarriere gehabt«, sagt Kobiaschwili, »aber wir haben gesehen: Der will etwas zeigen. Und er weiß, wie man wichtige Spiele gewinnt.« Bei der EM soll diese Geschichte ihr nächstes Erfolgskapitel erhalten, am besten samt verbindender Botschaft in die Heimat.

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