Der Kapitalismus ist ein Monster der See

Eine geopolitische Sommergeschichte über Piraten, Protestanten und wasserscheue Marxisten

  • Georg Leisten
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Meer – Sehnsuchtsort und Todesfalle.
Das Meer – Sehnsuchtsort und Todesfalle.

Südfrankreich 1930: Bertolt Brecht ist gemeinsam mit dem Komponisten Kurt Weill ins Küstenstädtchen Le Lavandou gereist, um die Verfilmung der »Dreigroschenoper« vorzubereiten. In den Arbeitspausen geht es an den Strand. »Ich sehe Brecht noch«, blickt Weills Frau Lotte Lenya zurück, »wie er durch das Wasser watete, die Mütze auf dem Kopf, die Hosen aufgekrempelt, die Virginia im Mund. Ich kann mich nicht erinnern, Brecht je ganz und gar untergetaucht gesehen zu haben. Er muss wohl etwas wasserscheu gewesen sein.« Allerdings hat der kommunistische Dramatiker nicht grundsätzlich mit dem nassen Element gefremdelt, immerhin widmete er dem »Schwimmen in Seen und Flüssen« ein lebensfrohes Gedicht. Salzwasserwellen aber lockten ihn nicht.

Könnte das weltanschauliche Gründe haben? Spontan zumindest fallen einem kaum Linke ein, die sich in Seefahrt oder Ozeanografie epochal hervorgetan hätten. Sieht man von Abenteurerliterat Jack London ab, besteht zwischen Meer und Marxismus offenbar keine natürliche Liebesbeziehung. Warum das so ist, erklärt ausgerechnet jemand, der vom politisch entgegengesetzten Gestade her schreibt.

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1942 veröffentlicht Carl Schmitt das Büchlein »Land und Meer«. Der dem NS-Regime nahestehende Staatsrechtler beginnt den Text als väterlich erzählte Gutenachtgeschichte für seine Tochter Anima. Trotz des bescheidenen Rahmens spannt die »Weltgeschichtliche Betrachtung«, so der Untertitel, eine geopolitische Großraumtheorie auf, die teils bis heute Gültigkeit besitzt. Ausgangspunkt ist eine »ewige Feindschaft«: der Widerstreit von Land- und Seenation. Seit dem antiken Sparta-Athen-Konflikt geraten die konträren Formen staatlichen Raumdenkens immer wieder aneinander.

Als Landmacht begreift Schmitt vor allem Nazideutschland, das ja explizit eine völkische Blut-und-Boden-Lehre propagiert. Die maritime Herrschaftsform wiederum verkörpert sich idealtypisch im damaligen Kriegsgegner England. Interessant ist, wie sich die Briten laut Schmitt zur führenden Seenation entwickelt haben. Ihr Aufstieg, so der Autor, beginnt im 16. Jahrhundert mit den staatlich tolerierten Kapernfahrten eines Francis Drake oder eines Henry Morgan. An diesem Punkt wird verständlich, warum auch Linke den Rechtsintellektuellen aus dem Sauerland hellhörig studieren. Denn was heute mit dem hübschen Wort Wirtschaftsliberalismus bezeichnet wird, wurzelt für Schmitt in der Piraterie.

Schon die Etymologie gibt einen Fingerzeig. »Privateer« ist ein englisches Wort für Kaperschiff, der elisabethanische Pirat das Urmodell des Privatunternehmertums. Raub auf eigene Rechnung wird mit Duldung Ihrer Majestät zum Geschäftsmodell. Zivil verbrämt, setzen sich die brachialen Methoden des »Korsaren-Kapitalismus« mit der Britischen Ostindien-Kompanie fort. Wie zuvor die Freibeuter erhält die private Handelsgesellschaft diverse Privilegien durch die Krone. Neben dem Gewaltmonopol auch die Möglichkeit einer eigenen Legislative für die Kolonien. Damit ging der Traum jedes modernen Konzerns, sich seine Gesetze selber zu machen, in Erfüllung.

Der Kontrapunktik von Kontinental- und Seenation ordnet Schmitt andere Gegensatzpaare bei: Das Territoriale ist traditionsverhaftet, das Maritime fortschrittsorientiert. Das eine neigt zum Katholischen, das andere zum Protestantischen. Wie der Protestant sich vom Papst lossagt, operiert das Korsaren-Business im juristisch schwer regulierbaren Wellenreich. Viel Wasser, wenig Staat.

Nicht nur Literatur beziehungsweise Kino haben das individualistische Abenteurertum unter der Totenkopf-Flagge glorifiziert. Zeitgenössische Großkapitalisten kokettieren ziemlich unverfroren mit der Entermessermentalität der goldenen Piratenzeit. Ob sie nun, man denke an Apple oder Elon Musk, rotzfrech Steuergesetze umschiffen oder sich als wölfischer »Anarcho-Kapitalist« inszenieren wie der argentinische Staatspräsident Javier Milei. Sogar das Ansinnen mancher Milliardäre, ihre Hochseejachten mit Raketensystemen und Mini-U-Booten militärisch aufzurüsten, fände hierdurch eine Erklärung.

Dass das Flüssige einem Hohepriester der festen Staatsfaust wie Schmitt nicht geheuer ist, leuchtet ein. Mit seinem anarchischen Verständnis der Offshore-Regionen aktualisiert der Jurist ein jahrtausendealtes Unbehagen des Menschen an der aquatischen Endlosigkeit. Nicht umsonst weisen Volksglauben wie Populärkultur dem marinen Ökosystem allerhand fiese Tiere zu. Vom Leviathan über den Riesenkalmar bis zum weißen Hai.

Eine Urangst, die sich sogar in den Farbadjektiven niederschlug. Wie der Literaturwissenschaftler Dieter Richter ausführt, war der wässrige Teil der Welt bei Homer bevorzugt grau, schwarz oder dunkelbraun. Zum spontanen Reinspringen verleitendes Blau setzte sich erst in der Romantik durch. Der englischen! Caspar David Friedrichs »Mönch am Meer« dagegen starrt noch über eine ölige Brühe in die Ferne. So, als hätte bereits der Maler des Klosterbruders geahnt, was da draußen lauert – das von der dirigistischen Leine gelassene Tiefseemonster des angelsächsischen Kapitalismus.

Dennoch schreibt Schmitt nicht aus einem prinzipiell antikapitalistischen Antrieb. Mitten im Zweiten Weltkrieg richtet er sich speziell gegen die angloamerikanische Wirtschaftsordnung. Zugleich verleiht er seinem heimlichen Unmut über den deutschen Bruch des Nichtangriffspakts mit Stalin Ausdruck. In Schmitts Augen teilte die Sowjetunion die politischen Werte einer Territorialmacht. Gern hätte der Sauerländer eine symbiotische Koexistenz beider Diktaturen gesehen. Insofern überrascht es nicht, dass sich Putins ultranationalistischer Hofphilosoph Alexander Dugin explizit auch auf Schmitt beruft. In der auf russische Interessen umgemünzten Lesart ist der Angriff auf die Ukraine nur proaktive »Verteidigung« der »eurasischen« Erde gegen die transatlantische Seemacht.

Obschon sich mittlerweile ein diskursmächtiger »Linksschmittianismus« herauskristallisiert hat, verbietet es sich, Schmitt als verkappten Sozialismus zu vereinnahmen. Die ideologischen Giftstoffe, die in den stahlklaren Sätzen schlummern, sind noch lange nicht abgebaut. Jene, die sein Werk »von rechts« lesen, nutzen den Vorbehalt gegen alles, was über See kommt, etwa als Argument für eine rigide Antimigrationspolitik. Dass Menschen aus Syrien hierbei besonders oft als Beispiele angeführt werden, passt ins Schmitt’sche Feindbild. Im heutigen Assad-Staat siedelte einst die phönizische Seefahrergesellschaft.

Wer also plant, »Land und Meer« für den Strandkorb einzupacken, sollte die neofaschistische Abdrift auch der jüngeren Rezeption mitbedenken. Deshalb am besten nicht zu weit ins Carl-Schmitt-Meer hinausschwimmen, sondern es halten wie Brecht in Le Lavandou: Einfach nur durchs Wasser waten!

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