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Illegal, aber normal

Die Drogenökonomie als unverzichtbarer Bestandteil von Weltwirtschaft und politischer Ordnung

  • Raul Zelik
  • Lesedauer: 7 Min.
Obwohl Polizei und Zoll auf Drogenjagd gehen, hat man sich ökonomisch und politisch mit dem Drogenhandel in vielerlei Hinsicht arrangiert.
Obwohl Polizei und Zoll auf Drogenjagd gehen, hat man sich ökonomisch und politisch mit dem Drogenhandel in vielerlei Hinsicht arrangiert.

Um kaum ein Thema ranken sich so viele Legenden wie um die Drogenökonomie. Dank Netflix und Hollywood meinen wir alle zu wissen, wie es in der Branche zugeht: Mafia-Bosse – in der Regel aus Lateinamerika, Südostasien oder Osteuropa – errichten in ihren korrupten Heimatländern Imperien der Gewalt, die unsere Ordnung von außen unterminieren. Es ist wie mit dem religiösen Fanatismus, der Frauenfeindlichkeit oder dem Terror: Die Bedrohung ist importiert und spricht Deutsch oder Englisch nur mit Akzent.

Drogen in der Weltwirtschaft

Dabei ist hinsichtlich der Drogenökonomie vieles nicht geklärt. Die Mutmaßungen beginnen schon bei der Frage, welche Bedeutung der Drogenhandel für die Weltwirtschaft besitzt. Der jährliche Drug World Report der Vereinten Nationen vermeidet seit längerem konkrete Angaben zum Thema. In den Jahresberichten werden zwar minutiös Daten zu den Anbauflächen von Schlafmohn und Koka gelistet, doch über die Umsätze des Drogenhandels weiß man eher wenig. Eine der letzten Schätzungen stammt aus dem Jahr 2005 und ist recht ungenau: Damals nannte der UN-Bericht Zahlen zwischen 85 Milliarden und einer Billion US-Dollar pro Jahr – was 0,26 bis 3,3 Prozent des Weltsozialprodukts entsprach. Das globale Marktvolumen der Automobilbranche wird zum Vergleich auf etwa 2,5 Billionen US-Dollar, das der Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtindustrie auf 740 Milliarden US-Dollar geschätzt.

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Auch wenn das Ausmaß des Drogenhandels unbekannt ist, steht außer Frage, dass er zu den ganz großen Wirtschaftsbranchen gehört. Hier allerdings ergibt sich sofort das nächste Problem: Wer profitiert vom Geschäft? Als Netflix-Konsument*innen fallen uns natürlich sofort Gestalten wie der Kolumbianer Pablo Escobar ein, der aus einfachen Verhältnissen stammte, irgendwann das heimische Badezimmer mit vergoldeten Armaturen bestückte und am Ende einsam und verlassen starb. Tatsächlich gibt es diese spezifische Variante von Drogenunternehmer*innen aus dem Globalen Süden. Und der unkontrollierte Devisenabfluss dürfte wohl auch der entscheidende Grund gewesen sein, warum die USA in den 1980er Jahren in Lateinamerika den Drogenkrieg aufnahmen und in der Folge Milliardenbeträge in den Süden pumpten. Das Medellín-Kartell von Pablo Escobar war, so wird häufig kommentiert, der einzige lateinamerikanische Konzern, der die gesamte Herstellungs- und Lieferkette eines Produkts direkt kontrollierte.

Doch auch wenn Organisationen wie das Medellín-Kartell oder zuletzt die ecuadorianische Choneros-Bande den Regierungen ihrer Länder bisweilen den Krieg erklären, ist die Vorstellung falsch, sie befänden sich außerhalb der regulären Ökonomie. Der Drogenhandel ist illegal, aber er bleibt Teil der kapitalistischen Weltwirtschaft. So schlägt sich der Luxusgüterkonsum neureicher Narcos in den Bilanzen regulärer Konzerne nieder: Mercedes-Benz, der Schweizer Rolex-Konzern, der italienische Yachtersteller Azimut Benetti – sie alle profitieren vom entfesselten Statuskonsum aufstrebender Bourgeois. In vielen lateinamerikanischen Städten zeugt ein Bauboom von den Geldströmen der Drogenökonomie. Vor allem aber profitieren die Banken vom Geschäft. Panama City etwa verdankt seinen Aufstieg zum internationalen Finanz- und Verkehrsknotenpunkt nicht zuletzt dem Kokainhandel, der panamaische Banken in den 1980er und 1990er Jahren benutzte, um Drogengelder zu waschen. Damals begann die Verwandlung der heruntergekommenen Stadt am Pazifik in ein zweites und strahlendes Miami.

Doch auch in diesem Zusammenhang darf man das Augenmerk nicht zu sehr auf den Globalen Süden richten. Laut Financial Secrecy Index – einem Index zur Erfassung illegaler und halblegaler Finanzströme – sind nicht die sprichwörtlichen »Bananenrepubliken«, sondern etablierte Finanzzentren der wichtigste Hafen für Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Dem Index nach steht die USA auf dem ersten Platz, gefolgt von der Schweiz, Singapur und Hongkong. Deutschland, das sich selbst für einen Saubermann hält, folgt auf Platz sieben. In all diesen Ländern ist das Bankgeheimnis »robust« genug, um illegale Geldströme anzuziehen.

Die mit Abstand wichtigsten Geldwäscheparadiese in Lateinamerika und der Karibik sind die britischen Kolonien Virgin und Caiman Islands. Dass »der Westen« illegale und halblegale Finanzpraktiken nicht unterbindet, darf nicht weiter verwundern. Steueroasen sind aus Perspektive der besitzenden Klasse unverzichtbar, um Gewinne vor Steuerbehörden in Sicherheit zu bringen. Zudem haben selbstverständlich auch Teile der Eliten im Globalen Norden in illegale Geschäfte – etwa den Waffen-, Drogen- oder Menschenhandel – investiert.

Regieren mit Organisierter Kriminalität

Auch die Vorstellung, dass sich Rechtsstaat und Drogenhandel in einem erbitterten Kampf miteinander befänden, wie es uns die Netflix-Serie »Narcos« in 30 Folgen glauben ließ, ist nicht unbedingt richtig. Zwar stimmt es, dass die Drogenökonomie mit Korruption und Gewalt die Rechtsinstitutionen unterminiert und das zu einem Problem wird, weil Marktgesellschaften eine einigermaßen verlässliche Rechtsprechung benötigen.

Doch mindestens ebenso wichtig ist die Stabilität des Staates. Und hier lässt sich beobachten, dass sich die Organisierte Kriminalität durchaus in Sicherheitssysteme integrieren lässt. Das ist in vielen Ländern mit sozialen Konflikten der Fall: In den späten 1940er Jahren kamen Schlägertrupps der Mafia in Südfrankreich und Italien zum Einsatz, um kämpferische Gewerkschaften einzuschüchtern. Der Susurluk-Skandal – in der westtürkischen Stadt verunglückten der stellvertretende Polizeipräsident von Istanbul, ein wegen Drogenhandels gesuchter und international bestens vernetzter Rechtsextremer und ein Anführer der paramilitärischen Dorfschützer-Einheiten gemeinsam im Auto – machte deutlich, wie eng der türkische Staat, die extreme Rechte und die Mafia bei der Bekämpfung der politischen Linken kooperierten.

In Kolumbien entstanden die rechten Paramilitärs, die seit den 1980er Jahren mehrere Millionen Kleinbäuer*innen vertrieben, aus der Zusammenarbeit von Drogenkartellen und Militärgeheimdiensten. Sogar das Ende des Drogen-Capos Pablo Escobar 1993 hatte hiermit zu tun: Escobar wurde von einer Todesschwadron erschossen, die sich aus abtrünnigen Mitgliedern des Medellín-Kartells rekrutierte und mit der Polizei verbündet hatte. Diese Gruppe, die sogenannten PEPEs, entwickelte sich in der Folge zu den AUC-Milizen weiter, die auch von großen transnationalen Konzernen unterstützt wurden.

Der US-Fruchtkonzern Chiquita Brands wurde Anfang Juni von einem Zivilgericht in Florida zu einer Schadensersatzzahlung von 38 Millionen US-Dollar verurteilt, weil das Unternehmen mit den kolumbianischen Paramilitärs um die Jahrtausendwende eng zusammengearbeitet hatte. Unter anderem wurden mehrere Tausend Sturmgewehre für die AUC-Miliz über den Privathafen von Chiquita Brands nach Kolumbien geschmuggelt. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil die AUC damals das mächtigste kolumbianische Drogenkartell war. Die Drogenhändler der AUC wurden vom Staat in Ruhe gelassen und ermordeten als Gegenleistung Oppositionelle, die die Militärgeheimdienste aus dem Weg geräumt sehen wollten.

Geopolitik und Armutskontrolle

Aber nicht nur dubiose Staaten wie Kolumbien pflegen einen pragmatischen Umgang mit der Organisierten Kriminalität. Auch die Hegemonialmacht USA hat zur Drogenökonomie ein flexibles Verhältnis. Obwohl Washington den »War on Drugs« propagiert, haben US-Behörden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Allianzen mit dem Drogenhandel geschmiedet. Im Kampf gegen das nordvietnamesische Regime wurden Einnahmen aus dem Opiumhandel eingesetzt, um mit den USA verbündete Milizen im Norden von Laos zu finanzieren. Einige Jahre später geschah in Mittelamerika genau das Gleiche: Wie der sogenannte Kerry-Report, ein Untersuchungsbericht des US-Senats aus dem Jahr 1989, belegt, ermöglichte die Regierung von Präsident Reagan die Finanzierung der rechtsextremen nicaraguanischen Contra durch den Kokainhandel. Und zuletzt zeigte sich auch in Afghanistan wieder, dass der Drogenanbau häufig zurückgeht, wenn die Verbündeten der USA eine Niederlage erleiden.

Doch warum wird der »Krieg gegen die Drogen« dann überhaupt geführt? Verschwörungstheorien verschleiern hier eher den Blick. Dass es Widersprüche in der Politik eines Staates gibt, ist nicht besonders erstaunlich. Der religiös motivierte Puritanismus der US-Gesellschaft führt dazu, dass eine konservative Mehrheit den Drogenkonsum ablehnt, gleichzeitig aber müssen US-Regierungen sicherstellen, dass – wenn es schon einen illegalen Drogenhandel gibt – die Verbündeten von ihm profitieren. Nach dem Motto: Wenn mittelamerikanische Contras, rechte kolumbianische Milizen oder afghanische Warlords die Drogenökonomie kontrollieren, tun das keine linken Guerillas oder Taliban.

Mindestens ebenso wichtig aber ist, dass sich die illegale Drogenökonomie als hervorragendes Instrument zur Armutskontrolle erwiesen hat. In Lateinamerika, aber auch in schwarzen Nachbarschaften in den USA, lässt sich das allerorten beobachten. Waren Armenviertel einst Hochburgen der politischen Selbstorganisierung, so herrscht dort heute vielfach ein von Misstrauen und Angst geprägtes Klima. Die Polizei hat dank der illegalen Drogen immer ein Argument, um militärisch in Armenvierteln vorzugehen. Und in der Bevölkerung sorgt die Drogenökonomie für die Verbreitung turbokapitalistischer Werte: Ganze Generationen wachsen mit der Erfahrung auf, dass Rücksichtslosigkeit und Gewaltanwendung die geeignetsten Mittel des sozialen Aufstiegs sind. Wer tötet, kann sich Konsumgüter leisten, wie sie sonst nur der herrschenden Klasse zur Verfügung stehen. Die Drogenökonomie ist Bürgerlichkeit in extremster Form: Hier sind Konkurrenz, Aufstiegsorientierung und Konsumismus auf die Spitze getrieben. Effizienter lässt sich die »überflüssige Klasse«, für die der Kapitalismus keine produktive Verwendung mehr findet, nicht regieren.

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