Bühnenbilder von der Baustelle

Werkstatt der Neuen Bühne Senftenberg für zehn Millionen Euro saniert und erweitert, aber noch nicht ganz fertig

In Theaterkulissen wie der für »Der gestiefelte Kater« steckt viel Arbeit der Werkstatt.
In Theaterkulissen wie der für »Der gestiefelte Kater« steckt viel Arbeit der Werkstatt.

Mit hoch erhobenem Arm läutet Catharina Struwe ein Glöckchen. So lockt die Schauspielerin die Gäste weg von Sekt und Saft und aus dem Schatten heraus. Dutzende Mitarbeiter und eine Handvoll Politiker folgen ihr ein paar Schritte vor den Erweiterungsbau der Neuen Bühne Senftenberg. Dort spricht die 61-Jährige einige Zeilen aus dem Prolog von Goethes »Faust«. Ohne Mikrofon trägt ihre Stimme die Worte: »Sagt, was ihr wohl, in deutschen Landen, von unsrer Unternehmung hofft?« Struwe muss die Kinder der angrenzenden Grundschule übertönen, die auf dem Pausenhof ebenfalls Theater machen: Sie kreischen vergnügt.

1959, als das Stadttheater Senftenberg den Namen Theater der Bergarbeiter erhielt, wurde die Werkstatt eröffnet. 1989 erhielt sie einen Anbau für die Schlosserei und im Jahr 2000 neue Fenster und frischen Putz. Aber sonst war die Werkstatt ziemlich marode geworden. Axel Thonn, technische Leiter der Bühne, hatte jahrezehntelang ein schlechtes Gewissen, seine Leute dort arbeiten zu lassen, wie er am Montag gesteht.

Nun wird alles besser. Der für 2038 angepeilte Kohleausstieg macht es möglich. Mit Fördermitteln für den Strukturwandel im Lausitzer Revier wurde die Werkstatt seit März 2022 saniert und erweitert. Rund zehn Millionen Euro hat das gekostet. Die Mittel wurden 2021 bewilligt. Damit lag die Neue Bühne ganz vorn. Intendant Daniel Ris nennt das rückblickend ein »großartiges Bekenntnis zur Kultur«, dass das erste Geld für den Strukturwandel für ein Theater ausgegeben wurde.

Am Montag wird noch ein Förderbescheid nachgeschoben, der die entstandenen Mehrkosten deckt. Denn durch Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg sind die Preise gestiegen. Es lässt sich kaum noch etwas zu den früher veranschlagten Kosten fertigstellen. Die Werkstatt bleibt vorerst Baustelle. Erst am 27. September wird sie mit fünf Premieren an einem Tag eröffnet. Doch schon diesen Dienstag können Schlosser, Tischler, Dekorationsmalerinnen und Kostümschneiderinnen einziehen. Das wird am Montag gefeiert. Zwei Jahre lang mussten sie in Containern unterschlüpfen.

Die Bedingungen verbessern sich erheblich. Endlich gibt es eine Montagehalle für die Bühnenbilder. Bislang passten sie nicht komplett durch die Tür. Sie mussten in Einzelteilen vorgefertigt und auf der Bühne zusammengesetzt werden. Das belegte für jede der 15 Premieren im Jahr den Theatersaal für eine Woche. In dieser Zeit konnten dort keine Aufführungen stattfinden. Bei einer Sitzplatzauslastung von 80 Prozent zählt die Neue Bühne bisher 60 000 Besucher jährlich. Dank der Montagehalle könnte diese Zahl steigen.

Der Strukturwandel sei »gut angelaufen« in Oberspreewald-Lausitz, freut sich Landrat Siegurd Heinze (parteilos). Er schenkt der Tischlerei des Theaters einen alten Hobel, damit »immer alles glatt geht«. Den Hobel kaufte sein Großvater 1947 oder 1948.

Für die im Tagebau und in den Braunkohlekraftwerken wegfallenden Arbeitsplätze muss rechtzeitig Ersatz her. Dabei sei man »sehr erfolgreich, vielleicht sogar zu erfolgreich«, meint Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Er hatte es nach Senftenberg nicht weit aus seiner Heimatstadt Forst. Der Weg ist viel kürzer als von der Potsdamer Staatskanzlei. Nun müssen junge Leute als Arbeitskräfte angelockt werden. Die wollen nicht nur gut bezahlt werden, sondern in ihrer Freizeit was erleben, weiß Woidke. Da sei ein Theater gut und auch ein Zeichen für Weltoffenheit.

Alte Tagebaue werden geflutet. Die entstehenden Seen laden zum Segeln ein. Woidke stellt einen dazu passenden Vergleich an: »Auch wenn das Schiff auf Kurs ist, so befindet es sich doch in schwerer See.« Damit spielt der Politiker darauf an, dass die AfD bei der Kommunalwahl am 9. Juni in Oberspreewald-Lausitz 31,8 Prozent erzielte, im Nachbarkreis Spree-Neiße sogar 38,2 Prozent.

Theaterarbeit stärke die Demokratie, versichert Intendant Ris. »Wir leisten aktiven Widerstand gegen Rechtsextremismus und völkische Ideologie.« Vielfalt solle als Bereicherung und nicht als Bedrohung empfunden werden.

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