Drittkarriere für Kasparow?

Ex-Schachweltmeister auch im Shogi auf Anhieb »zu Hause«

  • René Gralla
  • Lesedauer: 2 Min.

Garri Kasparow ist ein Mann mit vielen Talenten. Lange Zeit galt er als beinahe unschlagbar am Schachbrett, war unangefochten die Nr. 1 der Weltrangliste. Heute publiziert er Bestseller über die Helden des Denksports (»Meine großen Vorgänger«) und demnächst möchte er zum Präsidenten von Russland gewählt werden.

Gleichzeitig arbeitet Kasparow heimlich daran, Geheimnisse aus Fernost zu entschlüsseln. Wie nämlich erst jetzt außerhalb Japans bekannt geworden ist, hat der selbsternannte Intimfeind von Wladimir Putin gegen einen Träger des 3. Dan im Shogi schon vor geraumer Zeit ein dramatisches Match ausgetragen. Shogi ist eine spezielle japanische Schachvariante, die besonders anspruchsvoll und trickreich ist: Statt Figuren werden mit Kanji-Zeichen beschriftete einfarbige Plättchen über ein Areal von 81 Feldern bewegt, und eroberte Steine dürfen zur Verstärkung der eigenen Seite wieder eingesetzt werden.

Die Bilder des ungewöhnlichen west-östlichen Kräftemessens entstanden während eines Interviews in Kasparows Moskauer Wohnung. Der Journalist Eiichiro Ishiyama von der Agentur Kyodo liebt wie viele Landsleute das Shogi, sein 3. Dan weist ihn als starken Amateur aus, und so möchte er auch Kasparow für das Japanschach begeistern. Ishiyama schlägt eine Partie vor, und tatsächlich, Kasparow willigt spontan ein.

Also packt Ishiyama ein vorsorglich mitgebrachtes Set aus, erklärt die Regeln des Shogi, und los geht's. Und das Unglaubliche geschieht: Obwohl sich Kasparow eben erst die Züge des exotischen Defilees aus Jade-Königen, Goldgenerälen, fliegenden Streitwagen und Drachenpferden eingeprägt hat, bringt das »Biest von Baku«, wie Kasparow von abgestraften Spielpartnern gerne genannt wird, seinen Kontrahenten aus dem Stand an den Rand an einer Niederlage. Ishiyama muss alles auf eine Karte setzen und kann erst nach einem riskanten Konterschlag das Treffen drehen.

»Shogi ist sehr interessant«, bilanziert Kasparow nach dem Spiel, »ich würde das sehr gerne noch intensiver lernen.« Was dem ehemaligen Superstar des Westschachs ganz neue Perspektiven eröffnet: Wenn es mit dem neuen Job im Kreml nicht klappt, kann Kasparow nach einer eventuellen Wahlniederlage am 2. März 2008 sofort eine Drittkarriere starten. Weil im Oktober desselben Jahres alle aufstrebenden Talente nach Tokio geladen werden: zum 4. Internationalen Shogi-Forum, der Weltmeisterschaft 2008.

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