Michel Friedman: »Ich habe nicht nur Angst, ich habe Furcht.«

Der jüdische Publizist Michel Friedman erklärt, warum er aus der CDU ausgetreten ist und warum er sich Sorgen um die Demokratie macht

  • Interview: Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 9 Min.
Michel Friedman ist der Sohn von Holocaust-Überlebenen. Mit neun Jahren zog er mit seinen Eltern nach Deutschland.
Michel Friedman ist der Sohn von Holocaust-Überlebenen. Mit neun Jahren zog er mit seinen Eltern nach Deutschland.

Herr Friedman, Sie bezeichnen sich in Ihrem neuen Buch als »verzweifelten Demokraten«. Was lässt Sie verzweifeln?

Ich finde das Wort Verzweiflung ganz wunderbar, denn darin steckt »Zweifel«. Das menschliche Leben ist voller Überraschungen und Kontrollverlust. Ich habe gelernt, dass das Zweifeln die einzige Möglichkeit ist, mit dem Leben umzugehen. Meine Eltern haben den Holocaust überlebt, 50 Menschen aus meiner Familie sind umgebracht worden. Ich bin auf einem Friedhof geboren, in dem der Zweifel sich im Wort »Warum?« wiederfand. Ich glaube, dass man aus diesem Zweifel etwas schöpfen kann. Der Zweifel ist die unverzichtbare Voraussetzung der Wissenschaft, der Aufklärung, der Menschenrechte und der Demokratie. Wenn ich mich als verzweifelten Demokraten bezeichne, hat das also auch etwas Optimistisches.

Verzweiflung und Optimismus sind doch eigentlich Gegensätze.

Ich halte den verzweifelten Optimisten für den Realisten der Zeit. Solange ich in einer Welt lebe, in der ich die Freiheit habe, Fragen zu stellen, in der ich keine Angst haben muss, Autoritäten anzuzweifeln, gibt es Hoffnung. Was mich verzweifeln lässt, ist, dass so wenige Menschen die Möglichkeiten der Freiheit nutzen und es weltweit immer mehr Menschen gibt, die versuchen, uns unsere Freiheit zu nehmen. Erst vor wenigen Monaten haben Xi Jinping und Putin gesagt, das 21. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Autokratie und das Ende der Demokratie.

Interview

Michel Friedman ist Rechtsanwalt, Philosoph und Autor. Von 2000 bis 2003 war er stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der 69-Jährige ist Herausgeber des jüdisch-liberalen Magazins »Aufbau«und Gastgeber einer philosophischen Reihe im Berliner Ensemble, in den Münchner Kammerspielen und der Oper Frankfurt. Sein neues Buch »Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten« ist am 29. August im Berlin Verlag erschienen.

Waren Sie schon jemals so verzweifelt wie jetzt?

Nein. Ich kam 1965 im Alter von neun Jahren nach Deutschland. Ich kenne also ein Leben, in dem noch die Menschen, die Teil des nationalsozialistischen Systems waren, als Lehrer, Polizisten, Professoren und Verwaltungsbeamte weitergearbeitet haben. Viele Eltern meiner Schulfreunde waren im Alter meiner Eltern, und ich kannte ihre Vergangenheit nicht. Meine Freunde sind immer zu uns nach Hause gekommen, ich bin nie zu ihnen gegangen.

Warum?

Einer meiner Freunde hat mir einmal gesagt, dass bei ihm zu Hause die Hölle los gewesen wäre, wenn ein Kind von Holocaust-Überlebenden zu Besuch gekommen wäre. Meine Anwesenheit hätte das Schweigen zerrissen.

Trotz Ihrer Verzweiflung nennen Sie Ihr Buch auch eine Liebeserklärung. In wen oder was sind Sie verliebt?

Am Anfang, mittendrin und am Ende meines Lebens steht die Liebe zum Menschen. Als ich in der Pubertät war, war ich sehr wütend auf die Situation, die ich in Deutschland erlebt habe. Ich wurde in Paris geboren und war wütend, dass wir nach Deutschland gegangen sind. Der Judenhass ist keine deutsche Erfindung, aber Auschwitz ist eine. Jüdisches Leben ist und war nach der Shoah nirgendwo so herausfordernd wie in Deutschland. Ich habe mir damals die Frage gestellt: Vertraust du dem Menschen oder misstraust du ihm?

Wofür haben Sie sich entschieden?

Meine Mutter hat mir damals gesagt: »Der Hassende ist vergifteter als der Gehasste, denn der Hassende muss 24 Stunden am Tag mit seinem Hass leben.« Damals habe ich den Satz nicht richtig verstanden, aber ich habe gefühlt, dass sie recht hatte. Irgendwann war für mich klar, dass ein zynisches Leben ein verdorbenes Leben ist. Darum habe ich mich entschieden, dem Menschen zu trauen. Schließlich sind meine Eltern auch von einem Menschen gerettet worden. Einem deutschen Menschen, Oskar Schindler, den ich gekannt habe und der mich in meiner Haltung geprägt hat. Es ist diese Liebeserklärung an den Menschen, die mich bis heute am Leben hält.

Sind Freiheit und Demokratie heute in Deutschland wieder in Gefahr?

In Deutschland werden Freiheit und Demokratie von Linksextremismus, Islamismus und Rechtsextremismus infrage gestellt. Der Rechtsextremismus stellt dabei die größte Gefahr dar, weil er in Form der AfD im parlamentarischen System angekommen ist. So ist aus dem Rechtsextremismus eine strukturelle, eine institutionelle Gefahr geworden. Über 60 Prozent der Deutschen nehmen an, dass es im nächsten Jahr einen ersten AfD-Ministerpräsidenten geben wird. Das wäre ein Offenbarungseid. Denn das wäre ein Angriff auf den Rechtsstaat, die Freiheit der Presse, die Freiheit der Kultur, die Menschenrechte.

Was sind die Ursachen für den Aufstieg der AfD?

In Deutschland gab es bislang keinen Tag, an dem es keine Nazis, Neonazis, Rechtsextremisten und Demokratiehasser gab. Nach der Gründung der Bundesrepublik waren Nazis in allen Parteien versteckt. Zwar wollte man sich und anderen gerne vormachen, dass es einen Riss gegeben habe, es gab die Sehnsucht nach einem Schlussstrich.

Auch der Zuzug von Millionen Geflüchteten soll in Deutschland zum Aufstieg der AfD beigetragen haben. Vor genau zehn Jahren sagte Angela Merkel »Wir schaffen das«. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Ich finde es wenig sinnvoll, sich auf diesen Jahrestag zu stürzen. Die Bundesrepublik Deutschland ist immer eine Einwanderungsgesellschaft gewesen, auch wenn fast alle Parteien das bis weit in die 2000er Jahre verneint haben. Die Einwanderung war für die Interessen der BRD über Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte. Die größte Gefahr besteht doch darin, dass wir an der Alterung der Gesellschaft zugrunde gehen. Wir sind also auf junge Menschen, die zu uns kommen, angewiesen wie auf Sauerstoff. Zugleich sagen wir ihnen seit Jahrzehnten immer wieder: Eigentlich wollen wir nicht, dass ihr zu uns kommt. Wir sind immer noch eine Abwehrgesellschaft.

Wie kann Zuwanderung und Integration gelingen?

Natürlich gibt es immer ein Risiko, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen aufeinandertreffen. Aber wenn ich mit offenen Händen auf einen Menschen zugehe, kann es sein, dass ich aus der Begegnung etwas lerne. Doch wenn wir schon a priori unterstellen, der Fremde sei eine Gefahr, dann wird daraus nichts. Entweder schaffen wir es, uns dem Fremden zu öffnen, oder wir sterben den Tod durch Selbstmord. Es stimmt aber, dass die Mindestvoraussetzung für alle Menschen, die in diesem Land leben und die, die sich auf die Reise machen, hierherzukommen, das Grundgesetz ist. Und aus eigener Erfahrung füge ich hinzu: Bildung und Sprache.

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Im Bundestagswahlkampf haben zwei Anträge der Unionsfraktion zur Migrationspolitik nur mit Stimmen der AfD eine Mehrheit erhalten. Sie sind daraufhin nach über 40 Jahren aus der CDU ausgetreten. Warum?

Die Anträge wären für mich kein Grund, aus der CDU auszutreten. Darüber muss man streiten. Es war und ist für mich unverzeihlich, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland einen Antrag im Bundestag nur mithilfe einer antidemokratischen Partei durchzubringen. Mithilfe einer Partei, deren Ehrenvorsitzender vom Vogelschiss der Geschichte spricht, wenn er Hitler und die Nazis meint. Ich halte das für einen Tabubruch, der das parlamentarische System bis heute erschüttert. Bei meinem Parteiaustritt ging es mir um etwas sehr Grundsätzliches. Mit meiner Biografie konnte ich nicht so tun, als sei dies nur ein Betriebsunfall. Es ging um meine innere und äußere Authentizität.

In der AfD gibt es die »Bundesvereinigung Juden in der AfD e.V.« Ein Feigenblatt, das Antisemitismus und die Relativierung oder gar Leugnung der Shoah durch die eigene Partei kaschieren soll?

Die Bundesvereinigung Juden in der AfD ist der Beweis dafür, dass Juden so sind wie alle Menschen auch: Es gibt unter ihnen auch Dumme.

Sind Sie für die Einleitung eines AfD-Verbotsverfahrens?

Die Moderne lebt von den Menschenrechten, der Aufklärung und den demokratischen Prinzipien, die wir in Artikel 1 des Grundgesetzes zusammengefasst haben. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die AfD aber sagt ganz offen, dass die Würde von Menschen bestimmter Gruppen für sie antastbar ist. Alleine das reicht mir, um zu sagen, dass sie nicht mehr auf dem Boden der Verfassung steht.

Also sind Sie für ein Verbotsverfahren?

Wir haben uns mit der Aufklärung darauf geeinigt, dass niemals ein Mensch bestimmt, ob ein anderer Mensch ein Mensch ist. Das ist der Kern des demokratischen Menschenbildes. Aber genau diesen Kern greift die AfD an. Dass Diktaturen die Würde des Menschen angreifen, liegt in der Natur der Diktatur. Die Diktatur hat kein Verständnis für den Menschen an sich. Diktatoren sind die eigenen Bürger gleichgültig, die anderer Staaten sowieso. Aber in der Demokratie steht der Mensch im Zentrum. Der Mensch ist eine Art kategorischer Imperativ. Nicht nur kognitiv. Seine emotionale Intelligenz zu unterschätzen und nicht auszubauen ist ein großer Fehler. Wir können über alles verhandeln, nur nicht darüber, ob ein Mensch ein Mensch ist.

Verbotsverfahren – ja oder nein?

Ich halte die Einleitung eines AfD-Verbotsverfahren für eine ernstzunehmende Option. Aber ich ärgere mich immer über Entweder-oder-Diskussionen. Die Einleitung des Verbotsverfahrens ist nur dann sinnvoll, wenn sie von einer ernsthaft geführten politischen und gesellschaftlichen Debatte begleitet wird. Sich nur hinter dem Juristischen zu verstecken und abzuwarten, ist keine Lösung. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Als wir noch Zeit hatten, haben wir uns im Schlaraffenland ausgeruht. Aber jetzt geht es um Krieg oder Frieden, Freiheit oder Unfreiheit, Konfrontation oder Kooperation. Ich bin sehr skeptisch, ob die Menschen sich bewusst sind, wie ernst die Lage ist. Aber es ergibt auch keinen Sinn, sich auf die Stufe der Populisten zu stellen und ihnen Angst zu machen. Wir müssen zur Erkenntnis gelangen, dass unser Leben schlechter wird, wenn wir die Freiheit verlieren.

Haben Sie persönlich Angst?

Auf mich hat es zwei Attentatsversuche gegeben. In meinem Leben waren Bedrohungen und Beleidigungen immer ein Bestandteil meines Alltags. Ich habe nicht nur Angst, ich habe Furcht. Konkrete Furcht ist das, was aus abstrakter Angst entsteht. Aber schüchtert mich das ein? Nein! Kostet es mich Kraft, mich nicht einschüchtern zu lassen? Ja!

Sie halten in Ihrem Buch* Zwiesprache mit Ihren verstorbenen Eltern. Was würden sie zur aktuellen Situation in Deutschland sagen?

Ich glaube, sie würden sagen: »Ein Traum scheint zu scheitern. Wir sollten gehen.« Aber ich will nicht meine Eltern vorschieben. Ich rede über mich. Und ich muss sagen: Ich brauche immer mehr Kraft, um mich zu äußern, mich einzumischen, mich gegen den Schmerz zu schützen. Aber dieses Land, diese Gesellschaft und mein Leben in diesem Land sind mir diese Anstrengungen wert.

*Michel Friedman: »Mensch!: Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten«, Berlin Verlag, 25 Euro.

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