Gaza: »Wir tragen Kameras und Stifte, keine Waffen«

Der aus Gaza stammende 29-jährige Fotojournalist Alaa Mohsen Qreiqeh über die lebensgefährliche Berichterstattung im Krieg

  • Interview: Hanno Hauenstein
  • Lesedauer: 5 Min.
Einer von mindestens 197: Palästinenser tragen die Leiche eines Journalisten, der bei einem israelischen Angriff auf das Nasser-Krankenhaus getötet wurde.
Einer von mindestens 197: Palästinenser tragen die Leiche eines Journalisten, der bei einem israelischen Angriff auf das Nasser-Krankenhaus getötet wurde.

Wie sind Sie zum Journalismus gekommen? Mit welchen Medien haben Sie gearbeitet? Was für Geschichten haben Sie erzählt?

Seit meiner Kindheit habe ich eine Leidenschaft fürs Schreiben und für die Fotografie. Und nach dem 7. Oktober 2023 verspürte ich die Verantwortung, eine Stimme für diejenigen in Gaza zu sein, deren Stimmen nicht gehört werden. Ich begann mit lokalen Medien wie Quds News Network in Gaza zusammenzuarbeiten. Später auch mit der Foto-Agentur NOOR und mit internationalen Agenturen. Mein Schwerpunkt lag auf den Geschichten ziviler Opfer israelischer Angriffe und auf der Berichterstattung von vor Ort.

Nach Oktober 2023 sind Sie noch mehrere Monate in Gaza geblieben. Warum haben Sie Gaza schließlich verlassen?

Ich bin geblieben, weil ich es als meine Pflicht als Journalist empfand. Am Ende jedoch zwang mich eine Infektion mit Virushepatitis dazu, Gaza zu verlassen. Ich ließ meine Frau in Gaza zurück, die damals mit unserem ersten Kind schwanger war. Momentan lebe ich in Kairo und arbeite weiter, so gut es geht, journalistisch. Ich versuche von hier aus, neue Möglichkeiten zu finden, meine Familie zu finanzieren.

Interview


Reporter*innen in Gaza dokumentieren Hunger, Bombardierungen und das Leid der Zivilbevölkerung – und bezahlen dafür oft mit ihrem Leben. Einer von ihnen, der aus Gaza stammende 29-jährige Fotojournalist Alaa Mohsen Qreiqeh, ist inzwischen ins Exil nach Kairo geflohen. Dort spricht er über die letzten Momente mit seinem unlängst
getöteten Onkel, den Journalisten Mohammed Qreiqeh, über die Risiken des Arbeitens vor Ort – und über die Hoffnung, dass westliche Medien die Realität in Gaza endlich beim Namen nennen.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen in der Berichterstattung in Gaza?

Die größten Herausforderungen für uns Journalist*innen war und ist das völlige Fehlen von Sicherheit. Wir wurden und werden direkt ins Visier genommen. Dazu kommen Strom- und Internetausfälle und der ständige Verlust von Kolleg*innen und Verwandten. Bislang hat Israel 269 palästinensische Journalist*innen getötet. Wir haben einen extrem hohen Preis dafür gezahlt, die Wahrheit zu dokumentieren.

Ihr Onkel, der Journalist Mohammed Qreiqeh, wurde vor einigen Wochen zusammen mit Anas al-Sharif und weiteren Journalisten bei einem gezielten israelischen Angriff auf ein Pressezelt getötet. Was würden Sie sich wünschen, dass Menschen über ihn und seine Tötung verstehen?

Mein Onkel Mohammed war nicht nur Journalist, sondern auch ein sehr liebevoller Mensch. Er hinterließ drei Kinder: Zain, Zeina und Sand. Er war seinem journalistischen Auftrag verpflichtet und extrem mutig. Sein Märtyrertod, gemeinsam mit Anas Sharif, war nicht nur ein Verlust für unsere Familie, sondern ein schwerer Schlag für die Medien in Gaza. Seine Ermordung war kein Zufall. Es war Teil der gezielten Angriffe auf Journalist*innen in Gaza.

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Wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?

Circa eine halbe Stunde, bevor er getötet wurde. Er erzählte mir von der Hungersnot und von den unaufhörlichen Bombardierungen. Er erzählte auch, dass er gleich live bei Al-Jazeera berichten werde. Aber kurze Zeit später erhielt ich dann die Nachricht, dass das Journalistenzelt in der Nähe des Al-Shifa-Krankenhauses bombardiert worden war. Ich versuchte, ihn anzurufen, aber er antwortete nicht mehr.

Wie gehen Sie heute damit um?

Die Nachricht hat mich völlig erschüttert, und ich habe diesen Schock nicht verwunden. Aber ich bin mir sicher, dass seine Stimme, wie all die Stimmen getöteter Journalist*innen in Gaza, Zeugnis ablegen wird von der Wahrheit, die Israel zu verschleiern und auszulöschen versucht.

Israel rechtfertigt die Tötung von Journalist*innen oft mit dem Vorwurf, sie seien mit Hamas verbunden. Wie reagieren Sie auf solche Anschuldigungen?

Diese Anschuldigungen sind ein Vorwand, um Israels Verbrechen gegen Journalist*innen in Gaza zu rechtfertigen. Als Journalist*innen ist unsere Arbeit für alle öffentlich sichtbar. Wir tragen Kameras und Stifte, keine Waffen. Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit zu dokumentieren, das Leiden der Zivilbevölkerung sichtbar zu machen – das ist eine menschliche Pflicht, noch bevor es eine berufliche ist. Die schiere Anzahl an getöteten Journalist*innen zeigt auch: Es geht hier nicht um Einzelfälle, sondern um eine systematische Politik, die palästinensische Perspektive zu unterdrücken. Hätte Israel Beweise für seine Behauptungen, hätte es diese Beweise vorgelegt. Es geht hier nicht darum, eine bestimmte politische Fraktion zu bekämpfen, sondern alle unsere Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Was erwarten oder erhoffen Sie sich in diesem Kontext von westlichen Journalist*innen?

Ich hoffe, dass westliche Journalist*innen mit Fairness und Objektivität auf das Geschehen in Gaza blicken. Dass sie mehr Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen. Die Stimmen der Opfer müssen die Welt erreichen, frei von politischen Kalkülen und von der Desinformation, die Israel verbreitet. Israel hat Gaza fast komplett zerstört und bereitet jetzt eine Großoffensive auf Gaza-Stadt vor. Es ist dringend notwendig, dass westliche Medien endlich ohne falsche Beschönigungen berichten. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums sterben täglich Menschen, darunter Kinder, an Hunger und fehlender Versorgung. Journalismus muss ein Spiegel der Wahrheit sein. Er muss das volle Ausmaß dieser Katastrophe zeigen, die das ganze palästinensische Volk trifft.

Was planen Sie zu tun, wenn Israels Angriff auf Gaza vorbei ist?

Ich träume davon, nach Gaza zurückzukehren und beim Wiederaufbau zu helfen. Davon, meinem Sohn eine sichere Zukunft zu verschaffen. Er wurde mitten im Krieg geboren, unter Kugelhagel und dem täglichen Lärm von Explosionen. Und ich träume davon, meine Arbeit als Journalist fortzusetzen, um die Wahrheit zu dokumentieren und die Erinnerung unseres Volkes zu bewahren.

Wie definieren Sie für sich Journalismus?

In Gaza war Journalismus nie nur ein Beruf, sondern immer auch ein Kampf und ein Zeugnis unserer Menschlichkeit. Jedes Foto und jedes Wort ist ein Aufschrei an die Welt: Gaza ist keine vorübergehende Nachricht. Es geht um Leben, die zerstört werden, um Träume, die zerbrechen. Ich hoffe, dass Journalist*innen in Gaza endlich den Schutz erhalten, der in Gaza absolut abwesend ist – und die Möglichkeit, frei zu berichten, ohne dass sie dabei von Israel ins Visier genommen zu werden.

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