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G20-Gipfel in Johannesburg: Das Ohrfeigenfestival
Christian Selz über die südafrikanisch-US-amerikanischen Dissonanzen beim G20-Gipfel
Ein gewisses Talent bei der Auswahl passender kultureller Referenzen kann man Südafrikas Präsidenten Cyril Ramaphosa nicht absprechen. Donald Trump schenkte er beim Besuch im Weißen Haus im Mai einen Bildband über Südafrikas schönste Golfplätze, den er vor allem mit dem Gewicht des Buchs bewarb (14 kg!). Vor den Staatenlenkern der G20-Länder (außer Trump) zitierte er dagegen den römischen Gelehrten Plinius den Älteren: »Aus Afrika kommt immer etwas Neues!« Es war die Einleitung eines schlauen Schachzugs: Der Südafrikaner ließ erstmals gleich zum Auftakt des Gipfels über das Schlussdokument abstimmen, mit beachtenswertem Erfolg. Ohne Gegenstimme brachte Ramaphosa die von Beobachtern nicht für möglich gehaltene Deklaration durch.
Begleitet von vollkommen fabrizierten Vorwürfen eines angeblichen Genozids an Weißen – von Trump bei jenem Treffen im Mai auch noch mit Bildern aus der tausende Kilometer entfernten Demokratischen Republik Kongo »belegt« – hatten die USA den ersten G20-Gipfel in einem afrikanischen Land boykottiert. Per Brief »warnten« sie die Gastgeber gar davor, es zu wagen, eine Abschlusserklärung auch nur anzustreben. Kurz vor Ultimo wollte Trump dann einen rangniederen Botschaftsgeschäftsführer zum Tagungsort schicken, an den der südafrikanische Staatschef den Willen des US-Despoten nach die G20-Präsidentschaft übergeben sollte.
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Doch in Pretoria dachte man nicht daran, sich demütigen zu lassen. Stattdessen geriet das Gipfeltreffen für die US-Regierung zum Ohrfeigenfestival. Schon auf einer Vorab-Pressekonferenz kicherte Ramaphosa beim Plaudern über den Last-Minute-Vorschlag Washingtons vergnügt vor sich hin, auf dem Gipfel erklärte er dann, dass er den G20-Vorsitz nun wohl an einen »leeren Stuhl« übergeben müsse. Außenamtssprecher Chrispin Phiri referierte derweil, man habe die USA »als abwesend eingetragen«. Die Übergabe des Vorsitzes wird nun nächste Woche ohne Kameras von einem Beamten gleichen Ranges in einem Hinterzimmer des Außenministeriums angeboten.
Die Südafrikaner haben es verstanden, den globalen Groll gegen Trumps Außenpolitik per Erpressung zu ihren Gunsten in die Bahnen zu lenken. Sie haben eine Atmosphäre erzeugt und genutzt, in der fast alle Teilnehmer eine Erklärung anstrebten, gerade weil Washington sie verhindern wollte. Das Ergebnis ist deutlich mehr als ein kleinster gemeinsamer Nenner: Südafrika hat nicht nur den Kampf gegen die Klimakatastrophe gegen starke Widerstände im Schlussdokument untergebracht, sondern auch den durch eine neue Expertenkommission belegten globalen »Ungleichheitsnotstand« dick und fett in die Agenda geschrieben. Hole-in-one!
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