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Nervosität im Oligarchenparadies

In Paraguay fürchtet die seit 60 Jahren regierende Colorado-Partei bei den Wahlen um die Präsidentschaft und ihre Macht, weil Bischof Fernando Lugo die Szenerie aufmischt

  • Von Markus Plate, Asunción
  • Lesedauer: 6 Min.
Am Sonntag sind Wahlen in Paraguay. Der ehemalige Bischof Fernando Lugo könnte mit einer breiten Mitte-Links-Allianz der seit 60 Jahren regierenden Colorado-Partei die Macht aus den Händen schlagen. Wahlkampfmunition hätte er genug: Das Land ist verarmt, seit Jahren schwelt ein Landkonflikt zwischen den Millionen Kleinbauern und einer Handvoll Großgrundbesitzer. Doch Lugo setzt angesichts knapper Umfrageresultate auf Versöhnung statt auf die klaren Worte, die viele von ihm erwarten.
Der Exbischof Fernando Lugo ist der Hoffnungsträger der Armen.
Der Exbischof Fernando Lugo ist der Hoffnungsträger der Armen.

Aus Paraguays Hauptstadt Asunción führen nur wenige asphaltierte Landstraßen Richtung Osten. Nach drei Fahrtstunden verlässt der alte Geländewagen der Kleinbauernorganisation MCNOC den Asphalt und müht sich vier weitere Stunden über Lehmstraßen gen Süden. MCNOC betreut derzeit etwa 300 Landbesetzungen. Belarmino Balbuena ist auf Wahlkampftour in entlegene Kleinbauerngemeinden. Belarmino ist nebenher Vorsitzender der Sozialistischen Allianz für den Wandel, kandidiert für den Senat und unterstützt neben fast einem Dutzend anderer Gruppen den ehemaligen Bischof Fernando Lugo, aussichtsreicher Kandidat im Kampf gegen die regierende Colorado-Partei.

Wahlkampf der Bewegung für den Sozialismus, Teil der Allianz für Lugo: »Mit deiner Stimme rotten wir diese Plage (die Colorado-Partei) aus.«
Wahlkampf der Bewegung für den Sozialismus, Teil der Allianz für Lugo: »Mit deiner Stimme rotten wir diese Plage (die Colorado-Partei) aus.«

Sojafelder bergen politischen Sprengstoff
Auf den ersten Blick ist San Francisco eine arme, aber friedliche Gemeinde. Kleine, einfachste Gehöfte an einem Bach, Mais- und Baumwollfelder, Kühe, Schweine, Hühner, Pferdekarren und immer wieder Waldstücke. In einem Kilometer Entfernung, auf den Hügeln rund um das Dorf herum, liegen Sojafelder und breiten sich von dort scheinbar endlos in Richtung Osten aus. Diese Sojafelder bergen politischen Sprengstoff. Bauernführer Belarmino erklärt, warum: »Die Soja-Latifundien erdrücken die Bauern, rücken immer näher an die Weiler heran. Auch hier in der Gegend gibt es Besetzungen von Brachland, und dann schicken die Großgrundbesitzer Polizei und Militär.« Viel Gewalt habe es gerade in der letzten Zeit gegeben, ein Bauernsprecher sei sogar ermordet worden, berichtet Belarmino.

Während der Staat präsent ist, wenn die Interessen der Sojafarmer berührt werden, tut er für die Kleinbauern, die immerhin fast 40 Prozent der knapp sieben Millionen Einwohner ausmachen, nichts. Die Straßen zu den Weilern sind schlecht, ebenso die wenigen staatlichen Schulen, und einen Gesundheitsposten gibt es weit und breit nicht. In den durch die Soja-Monokulturen eingekesselten Dörfern stirbt das wirtschaftliche Leben, erklärt Belarmino, da sich »in dieser Isolation kein Handel entwickeln kann«. So gebe es keine Ersatzteile, kaum noch Geschäfte und keine Arbeit.

Doch nicht nur das wirtschaftliche Leben stirbt: Weiter im Osten, in Richtung Brasilien, verläuft die Landstraße stundenlang an Sojafeldern entlang. Ab und an durch verlassene Weiler, deren Bauern in den letzten Jahren aufgeben mussten, hier und da vorbei an kleinen Baumgruppen, wo noch vor 30 Jahren atlantischer Urwald war. Fast die gesamte Soja in Paraguay ist gentechnisch manipuliert und benötigt einen massiven Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Der Wind treibt die Giftstoffe hinüber in die Weiler und Dörfer. Dort vergiften sie Äcker, Vieh und die Menschen. Oft, so Belarmino, würden die Gemeinden bewusst besprüht, um sie zum Aufgeben zu zwingen. Ein Vorwurf, den Regine Kretschmer bestätigen kann. Die deutsche Anthropologin arbeitet seit vielen Jahren im Osten Paraguays mit Kleinbauerngemeinden zusammen: »Die Bauern hier errichten menschliche Mauern gegen die Traktoren, die mit ihren Pestiziden bewusst gegen die Dörfer vorrücken.« Der Colorado-Staat antworte wiederum mit Polizeieinsätzen, offiziell, um die Sojaernte zu schützen.

Tortillas und Bohnen füllen den Magen
Abends kommen wir in den Weiler Kilometro Diez, zehn Kilometer hinter einem Provinzstädtchen namens San Juan. Zu Belarminos Wahlkampfauftritt kommen gut 20 Männer, alle mit einer lederbezogenen Thermosflasche unter dem Arm und einem Becherchen in der Hand. Paraguay ist das Land des Tereré, kalter Mate, der von früh bis spät getrunken wird und der die einzige Konkurrenz zur alles dominierenden Coca Cola Company darstellt. Belarmino erläutert, wie wichtig eine Abwahl der Colorados gerade für die Bauerngemeinden wäre, was sich mit Lugo ändern werde und wo auf welchen der insgesamt fünf Wahlzettel welche Kreuzchen für einen Wandel empfehlenswert seien.

Die Sonne ist längst untergegangen, es gibt Abendessen. Im Haus des Bauern Ramón ist eine lange Tafel gedeckt, an der sich neben Belarmino und seinen zwei Begleitern zehn Nachbarn drängen. Einige nehmen auf den Baumwollsäcken Platz, die sich neben der Tafel stapeln. Es gibt schwarzen Bohneneintopf mit Huhn, dazu werden Yucca gereicht und Tortillas, die leckersten des Kontinents, wie Belarmino versichert. Bierflaschen werden geöffnet, herumgereicht und schnell geleert.

Bauer Ramón, keine 40 Jahre alt, erzählt von seinen neun Kindern, wie stolz er ist, dass alle früh morgens die fünf Kilometer zur Schule marschieren, wie sehr er sich abrackert, um das Geld zusammenzukratzen, um wenigstens einem den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen. Wie viele in den von Soja umringten Gemeinden ist er verzweifelt, versteht nicht, warum für die Kleinbauern kein Platz in Paraguay sein soll »Wir Kleinbauern leiden oft Hunger, aber wenn wir brachliegendes Land nutzen, schicken sie immer das Militär. Dabei haben die Großgrundbesitzer doch genug Land.«

Eigentlich sollte Belarmino unter diesen Umständen gar keinen großen Wahlkampf machen müssen. Aber gerade in den ärmsten Bauerngemeinden fährt die Colorado-Partei satte Wahlergebnisse ein. Ein altes Phänomen in Paraguay, berichtet der Bauer und angehende Lehrer Eligio aus San Francisco: »Die Strategie der Regierung ist es, den Bauern NICHT zu helfen, DAMIT sie Not leiden.« So kämen die Colorados vor jeder Wahl und böten den Bauern Geld im Austausch für ihren Ausweis. »Und mit den eingesammelten Ausweisen wählen sie dann ihre eigenen Kandidaten«, weiß Eligio. Diesmal jedoch könnte den Colorados die Macht abhanden kommen. Zu offensichtlich sind der Wust an Korruption in allen Bereichen des Staates, die verheerende Wirtschaftspolitik, die soziale Schieflage des Landes. Der ehemalige Bischof Fernando Lugo hat es geschafft, aus Liberalen, Sozialisten, Kleinbauern und einem hal-ben Dutzend weiterer Gruppen eine Allianz zu schmieden, und laut Umfragen kann er – wenn alles mit rechten Dingen zugeht – bei den Wahlen an diesem Sonntag auf einen Sieg hoffen.

Hoffnungsträger Lugo ist nicht unumstritten
Doch im linken und christlich-sozialen Lager ist Lugo nicht unumstritten. Während Belarmino Balbuena bis zum letzten Tag fleißig Wahlkampf für Lugo macht, spricht sein Kollege, der Bauernsprecher Tomas Zayas, von einer sozialreformistischen Allianz à la Bachelet (Chile), Lula (Brasilien) und Vázquez (Uruguay), die keineswegs die Besitzverhältnisse auf dem Land anrühren werde.

In erster Linie jedoch würde ein Wahlsieg des Exbischofs die 60 Jahre währende Herrschaft der Colorados beenden. Das wird mittlerweile als epochaleres Ereignis angesehen als das Ende der Stroessner-Diktatur 1989. Es würde bedeuten, dass den Colorados ein großer Teil des Macht- und damit des Korruptionsapparates aus der Hand geschlagen würde. Bauer Ramón hofft, dass dann endlich etwas für die Bauerngemeinden getan wird. Oder wie Wahlkämpfer Belarmino es sagt: »Wenn wir jetzt gewinnen, dann werden wir in den nächsten fünf Jahren zumindest die politische Kultur und spätestens danach das Land revolutionieren.«

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