Vivisektion der Verhältnisse

Heinz Rudolf Kunze probt den literarischen Amoklauf

Es gibt günstigere Sterne, unter denen ein Leben beginnt. Dasjenige Heinz Rudolf Kunzes begann am 30. November 1956 im westdeutschen Flüchtlingslager Espelkamp, und wenn es stimmt, dass der Geburtsort und die herrschenden Umstände das Leben eines Menschen bestimmen, dann kann man getrost davon ausgehen, dass sie bei Kunze eine grundsätzliche Unruhe, eine Beweglichkeit auch im geistigen Sinne in die Lebenslinie eingegraben haben. Der Transitgeborene als Wanderer zwischen vielen Welten, als Umherstreuner, als Entdecker, als Vertriebener (so hat sich Kunze in einem seiner Lieder selbst bezeichnet), als Neugiergetriebener. Auch die äußerst wache Sensorik, die Heinz Rudolf Kunze eigen ist und mit der er die Bewegung der Welt um sich herum – manchmal zum Schlechten, noch öfter leider zum Schlechteren, viel zu selten zum Besseren – wahrnimmt, lässt sich nach dieser Logik erklären. Denn wer unter widrigen Umständen das Licht der Welt erblickt, der macht es sich auch später nicht unbedingt einfach, erkämpft sich die Freiheit der eigenen Sicht auf die Dinge, auch wenn er sich damit zum Hauptstrom querlegt, sich zum Unbequemen, zum Störenfried macht.

Ein Störenfried, ein Niedermacher gar ist Heinz Rudolf Kunze bis heute geblieben, irritierend seicht-sonnigen Beiträgen zum Schlager-Grand-Prix zum Trotz. »Ich habe nur mit etwas freundlicheren Songtiteln auch die Chance, Erfolg zu haben«, hat Kunze dem Verfasser dieser Zeilen einmal in einem Gespräch geschildert. »So ist die deutsche Medienwelt nun mal gestrickt, und ich muss auf sie reagieren. Ich könnte mich verweigern, die Arme verschränken und sagen: Da mache ich nicht mit. Dann muss ich aber auch damit leben, dass bei Konzerten die Reihen halb leer bleiben und die Plattenumsätze so gering sind, dass ich auf Dauer davon vielleicht nicht leben kann.« Ein Schicksal, das man keinem Künstler von geistigem Format gönnen möchte. Längst hat Kunze die artistische Mehrgleisigkeit zum persönlichen modus vivendi erhoben: Er stellt Popsongs neben solche, in denen er verbal die Kettensäge anwirft. Was jenseits dessen noch zu sagen ist, erfährt seinen Niederschlag in Büchern, in denen ihr Autor zur Vivisektion der herrschenden Verhältnisse schreitet. Ein Unterfangen, welches bei der Lektüre manches Mal schlucken lässt.

»Ein Mann sagt mehr als tausend Worte«, eine Sammlung Kunzes mit verschiedensten Texten seiner persönlichen Furorsaison 2006/07, bietet dem Leser sogar so viel zu schlucken, dass man sich unwillkürlich fragt, auf welchem Papier dieser Mann schreibt, das solch eine Ladung ätzender Gedankensäure aushält, ohne sich unter der Kunzeschen Wuttinte aufzulösen. Heinz Rudolf Kunze, im einen Leben Popmusiker, im anderen Popliterat ohne Schwach- und Flachsinnskrämpfe, gehört zu denen, die noch etwas zu sagen – und damit zu jenen, die nichts zu melden haben in dieser halt- und gehaltlosen Geleertenrepublik, die Intelligenz als Erbsünde brandmarkt. Umso unverdrossener schreibt der Mann mit dem zweifellos deutschesten aller möglichen Namen gegen die Mittelmäßigkeit der Verhältnisse an: Kunze bescheinigt der laufenden Epoche, auf Speed zu sein, und uns, ihren Zeitgenossen, in leere Fülle zu gaffen. Er schreit an gegen »Klangschlamm, Geräuschkot, Rhythmusdiktatur«, die aus allen Lautsprechern quillen. Er nennt Politiker »Rattenschwanzlutscher ihrer eigenen Versäumnisse« (irgendeiner der Beleidigten wird ihn dafür nochmal verklagen, wahrscheinlich Claudia Roth, die grüne Empörerin vom Dienst). Er macht sich sogar Gedanken darüber, wie es wäre, Paris Hilton jenes Körperteil abzuschlagen, welches sie ohnehin nicht benötigt, und schreibt sich damit beinahe selbst um Kopf und Kragen. Dieses literarische Rasen hat geradezu raubritterhaften Charme.

Das Rasen Kunzes geschieht bei all dem allerdings nicht um seiner selbst willen, nicht aus reinem Gefallen am Sausen des Wort gewordenen Beiles. Im Grunde ist sein Antrieb ein konservativer: Im Angesicht des Köpfe und Herzen Vermüllenden pocht Heinz Rudolf Kunze darauf, dass es Dinge gibt, die wertvoll sind und bleiben. Darauf, dass es noch etwas zu bewahren gilt. Die Liebe. Das Leben. Die Sehnsucht. Im Zweifelsfall sogar die Krankheit. Er stellt Wertehierarchien vom Kopf zurück auf die Füße und praktiziert auf diese Weise rockende Kulturkritik mit humanem Antlitz.

Kunzes Schreibwut gebiert geschriebene Wut, Zeile um Zeile, Vers um Vers. Dieser Mann sagt mehr als 1000 Worte – aber er macht dabei nicht viel Federlesens. Und so sollte bei der Lektüre von »Ein Mann sagt mehr als tausend Worte« auf jeden Fall immer auch der Verbandskasten bereitstehen. Denn Kunze ist zu vielem fähig. Auch zum literarischen Amoklauf.

Heinz Rudolf Kunze: Ein Mann sagt mehr als tausend Worte – Texte 2006 bis 2007 (inkl. CD mit Lesung). Ch. Links Verlag. 221 S., gebunden, 24,90 EUR.

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