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Lebensfroh statt im Gleichschritt

Swingjugend – unter Hitler verfolgt und eingesperrt

  • Von Birgit Gärtner
  • Lesedauer: 3 Min.

Ohne die Swing-Jugend hätte ich die Nazis nicht überlebt«, ist sich Uwe Storjohann heute sicher. »Ich war weder rassisch verfolgt, noch von meinem Elternhaus her zu politischem Widerstand motiviert, aber ich habe den Nazi-Drill kategorisch abgelehnt und mich der Hitler-Jugend konsequent verweigert. Damals dachte ich aber noch, ich sei der einzige Hamburger Jugendliche, der das tut. Bei den Swingkids habe ich dann eine Gemeinschaft Gleichgesinnter gefunden. Und trotz aller Gefahren, denen wir ausgesetzt waren: Die einzigen angstfreien Stunden zwischen 1939 und 1945 habe ich bei den Swings erlebt. Storjohann war einer von mehreren Hundert Swingkids in der Hansestadt.

»1936, als die Welt wegen der olympischen Spiele auf Deutschland blickte, waren die Nazis gezwungen, Jugendlichen relative Bewegungsfreiheit zu gewähren«, so der spätere NDR-Redakteur gegenüber ND. »Plötzlich durften wieder Bands aus England, sogar aus Amerika in Nazi-Deutschland auftreten. Das hat bei den Jugendlichen eine unglaubliche Euphorie ausgelöst. Später hatten die Nazis Schwierigkeiten, diese Welle wieder einzudämmen.«

»Lotterjugend« nannten die Swings sich selbst, ganz bewusst als absoluter Gegensatz zur HJ, salopp und leger, statt »Gleichschritt Marsch«. Storjohann stieß 1941 als 16-Jähriger zu dieser Bewegung, »sozusagen als zweite Generation«, wie er sagt. Damals gab es in der Hansestadt etwa zwei gleich starke Gruppen: Die Eppendorfer Swings, zumeist Sprösslinge aus alteingesessenen Hamburger Kaufmannsfamilien, und die Proloswings, Jugendliche aus Arbeiterfamilien. Rivalitäten gab es keine, beide Gruppen trafen sich in denselben Lokalen. »Die Proloswings kamen oft aus kommunistischen oder linken Familien und waren viel politischer als wir Eppendorfer. Wir sind ja erst in der Swingjugend politisiert worden. Um ›unsere‹ Musik zu hören, waren wir gezwungen, den ›Feindsender‹ BBC zu hören. Die Deutschlandredaktion des BBC hat das ganz geschickt gemacht, und die Musikprogramme mit politischen Informationen gespickt. Da hörten sich die Kriegsberichte plötzlich ganz anders an. Das hat uns stutzig gemacht und zum Nachdenken angeregt. Auf diesem Wege bin ich zum Antifaschisten geworden«, betont Storjohann.

Mitte 1942 gab es in Hamburg so gut wie keine Swingjugend mehr, die Gestapo hatte sie zerschlagen. »Rückblickend würde ich sagen, wir konnten uns deshalb so lange halten, weil die Gestapo vorher mit der Deportation der jüdischen Bevölkerung beschäftigt war«, konstatiert Storjohann. Die Jugendlichen, die von der Gestapo »kassiert« wurden, wie Storjohann sagt, kamen ins Jugend-KZ, oder sie wurden zur Wehrmacht eingezogen. Dem Eppendorfer Jung gelang es, diesem Schicksal bis Herbst 1944 zu entgehen. »Wir hatten damals Möglichkeiten, bei der Musterung Herzleiden zu simulieren. Genau gesagt habe ich entsprechende Medikamente eingenommen, damit ich nach ein paar Kniebeugen und Liegestützen umfalle. Das war natürlich ganz schön gefährlich und hätte ins Auge gehen können«, weiß er heute. Die letzten Kriegsmonate waren das Schlimmste, was Storjohann je erlebt hat: »Wenn ich nicht wüsste, dass es KZs gab und die Menschen dort noch mehr leiden mussten als wir, würde ich sagen, das war das Schrecklichste, was Menschen angetan werden kann.«

Nach dem Krieg arbeitete er als Redakteur, Autor und Regisseur. Seine Erlebnisse schrieb er in der Autobiografie »Hauptsache Überleben« nieder. Seit vielen Jahren tritt er regelmäßig als Zeitzeuge auf und engagiert sich gegen Rechts und Rassismus.

Am 8. Mai, 19.30 Uhr, lädt der VVN-BdA zu einem Abend »Swingjugend: Verbotene Kultur – verfolgte Jugend« in den Kulturpalast Billstedt, Öjendorfer Weg 30 a.

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