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»Herzschmerz und Herrschaftswissen«

Arztserien sind weiterhin die beliebtesten Fernsehsendungen – neben Krimis und Fußball

Für Gretchen Haase (Diana Amft) sind »Männer die beste Medizin«.
Für Gretchen Haase (Diana Amft) sind »Männer die beste Medizin«.

Die Arztserie ist nicht totzukriegen. Sat.1 zeigt im Herbst zwei neue Formate im härteren US-Stil, zuvor geht RTL einen Schritt zurück und erklärt seit Montag in »Doctor's Diary« die Klinik zum Familienplanungszentrum emanzipationsgeschädigter Frauen.

In diesem Jahr feiert Sat.1 ein besonderes Jubiläum: Vor zehn Jahren war der Sender letztmals wirklich mutig. Seit 1992 hatte ihm »Der Bergdoktor« Quoten auf zweistelligem Millionenniveau beschert. Damals wie heute taugte also die Adaption eines Groschenromans für Zuschauerrekorde und Eigenproduziertes in Reihe zum Straßenfeger. Trotzdem warf der damalige Sat.1-Chef Fred Kogel die Serie 1998 aus dem Programm. Die Zielgruppe war ihm zu alt. Das ZDF griff zu, wiederholte die erste öffentlich-rechtliche Übernahme eines Privatprodukts und zeigt zurzeit eine erfolgreiche Neuauflage.

Was beweist: Seit die ARD 1967 mit »Landarzt Dr. Brock« den Prototyp des Alleintherapierenden lieferte und das Prager »Krankenhaus am Rande der Stadt« zwölf Jahre später im DFF die erste Klinik zum Drehort erkor, ist Medizin weiterhin das wichtigste TV-Thema neben Krimi und Fußball. Seine Dramaturgie aus Hierarchie, Herrschaftswissen und Helfersyndromen, gepaart mit Herz, Schmerz und Alltagsallüren, befriedigt urdeutsche Sehbedürfnisse. Von Tierärzten ganz zu schweigen. Allerorten herrschte also ein idyllisches Heilen und bis auf Ute Schorn, die schon 1988 beim DFF als »Dr. Federau« mehrteilig in die Männerbastion leitender Ärzte eindringen durfte, blieben auch die tradierten Rollenmuster erhalten. Fröhliche Schwestern assistierten gütigen Stationsleitern, optimistische Arztpraktikanten halfen Professoren mit reichlich Zeit.

Die Münchner Medienforscherin Constanze Rossmann hat das medizinische Personal untersucht und dabei Daten auf realsozialistischem Wahlniveau ermittelt: 97 Prozent aller Fernsehärzte sind kompetent, korrekt, emphatisch und attraktiv, dafür ist gerade mal jeder Hundertste intrigant. »Nicht im geringsten realistisch«, urteilt die Expertin angesichts von Mobbing, Burnout-Syndromen und Spezialisierungsdruck. Weil die Wirklichkeit also nie mit der Fiktion Schritt hält, bewerten viele Patienten ihre echten Therapeuten negativer als sie es verdienen.

Daran änderte auch »Emergency Room« wenig. Die US-Serie verpasste dem Genre 1995 zwar einen Schuss Realität; echte Risse erhielt der Olymp weißer Halbgötter aber erst mit jüngeren Importen: Die Gerichtsmedizin à la »CSI« zeigt den Leib in seiner ganzen Vergänglichkeit, »Dr. House« ergänzt den Typus TV-Arzt um die Facette Misanthrop, »Greys Anatomy« füllt die Notaufnahme mit überforderten Helfern. Seither wirkt die deutsche Fernsehmedizin noch biederer als zuvor. Und geriet in Zugzwang.

Deshalb präsentiert Sat.1 im Herbst mit »Dr. Molly« und »Charité – Berlin Mitte« zwei rüdere Versionen amerikanischer Vorbilder. Und RTL setzt bereits seit Montag aufs klinische Pferd. Es wurde eine Rolle rückwärts nach vorn. Denn »Doctor's Diary« ist hippokratisches Gefühlsfernsehen der alten Schule im neuen Gewand. Natürlich wird hier und da am offenen Magen operiert, seit amerikanische Forensiker mit Kameras durch Arterien jagen, doch behandelt werden meist private Wehwehchen. Und wenn ein abgehackter Ringfinger im Klinikmüll landet, steht darüber seine Bedeutung für eine anstehende Trauung.

Dennoch hebt sich die Geschichte der Nachwuchschirurgin Gretchen Haase bei ihrer stationären Suche nach Liebe von der ironiefreien ARD-Serie »In aller Freundschaft« ebenso ab wie vom technikbegeisterten Zynismus eines »Dr. House« und ist dank seines Humors dramaturgisch auch weniger peinlich als Dr. Daniel Guths (!) »Alpenklinik« heute im Ersten.

Übrig bleibt ein TV-Spital als Schablone jeder Dramaturgie, die vor allem das weibliche Pendeln zwischen Kind und Karriere behandelt. So darf die Hauptdarstellerin beim beruflichen Vorankommen unentwegt die Hoffnung auf kalorienfreie Schokolade und ihren Traumprinzen ins virtuelle Tagebuch diktieren. Offenbar verordnet sich das Fernsehen nach all den Pleiten möglichst viele Klischees gegen das von der erfolglosen Serie aus deutschen Landen.

Nach dem Absturz jüngerer Hoffnungen von »Unschuldig« (Pro7) über »Die Anwälte« (RTL) bis zum Comedyfreitag bei Sat.1 versuchen es die Sender jedenfalls unbeirrt hausgemacht – im festen Glauben, die Umfrage der Zeitschrift »TV Guide« behält Recht, 46 Prozent der Zuschauer zögen heimische Formate den amerikanischen vor. Importe kommen nur auf ein Viertel. Das spricht nicht grad fürs Publikum, denn die deutsche Arztserie steht weiter knietief im Schmalz der »Schwarzwaldklinik«, mit all den autoritätsheischenden Heil-, Brock-, Berg-, Loh- und Kampmanns, den Nachnamensnettigkeiten von Sommerfeld über Milde bis Engel, die andernorts gern alliterieren (Markus Merthin) und nicht selten von Bastei stammen wie Stefan Frank (»dem die Frauen vertrauen«) oder Monika Lindt (»Kinderärztin, Geliebte, Mutter«). Der Untertitel zu »Doctor's Diary«, die zum Auftakt sogar gute Quoten erzielte, lautet übrigens »Männer sind die beste Medizin«.

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