Es gibt kein Ost-West-Problem

Berliner Schülerinnen und Schüler diskutierten über ihr DDR-Bild

  • Von Sabine Sölbeck
  • Lesedauer: 4 Min.
Was wissen Jugendlichen über die DDR? Recht wenig und vor allem das Falsche, hatte eine Studie der FU vor einiger Zeit festgestellt. Anfang der Woche wollte der Deutsche Beamtenbund auf einer Podiumsdiskussion in Berlin die Gescholtenen selbst erzählen lassen, was sie von der Studie halten und über die Geschichte wissen. Mit dabei auch Lothar de Maizière, Ministerpräsident a. D. der DDR, und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble.

Die Studie zum DDR-Bild von Schülern in Ost und West hatte im November letzten Jahres bereits für Aufsehen gesorgt. Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität in Berlin Klaus Schroeder und seine Frau Monika Deutz-Schroeder gaben die Ergebnisse an diesem Montag noch einmal bekannt. Ihre Studie offenbare große Wissenslücken über die DDR sowie ein verzerrtes Geschichtsbild, betonten die beiden Autoren der Studie. Schüler in Ostdeutschland erhielten eine verklärende Sicht auf die DDR, da ihre Informationen fast ausschließlich aus familiären Gesprächen resultierten. Außerdem wurde das Fehlen der DDR-Zeitgeschichte in den Schulen als eklatanter Mangel ausgewiesen.

Die beiden Zeitzeugen Lothar de Maizière und Wolfgang Schäuble versuchten auf sehr anekdotische Art und Weise, den anwesenden Schülern ein Stück politische Geschichte beizubringen. Bleibt zu hoffen, dass dies zur Wissensvermittlung beigetragen hat. Manchem Zuhörer mag es so gegangen sein, dass er die Diskussion mit den Schülern sehnlichst erwartete. Die Studie der FU hatte neugierig darauf gemacht, was die Schüler der Wilma-Rudolph-Oberschule aus Steglitz-Zehlendorf (Westberlin) und des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasiums aus Pankow (Ostberlin) zur DDR und zur Geschichte denken. Die Frage, ob die Verhältnisse in der DDR unerträglich gewesen seien, wurde von diesen Jugendlichen wie auch von den in der Studie befragten 5000 Schülerinnen und Schülern in Ost und West durchaus ambivalent beantwortet. Zu den weit verbreiteten Annahmen gehört zum Beispiel, dass die DDR im Gegensatz zum heutigen Deutschland keine Ellenbogengesellschaft gewesen sei. Klaus Schroeder erklärt sich diese Haltung damit, dass die Schüler heute vielfach Angst vor ihrer beruflichen Zukunft hätten, so dass sie bereit seien, für einen Arbeitsplatz auf gewisse Freiheiten zu verzichten oder sich eine staatliche Rundumversicherung wünschten. Die gesellschaftliche Stimmungslage bestimme das Antwortverhalten der Schüler, meinte Schroeder. Der Wunsch nach dem starken Staat sei gewachsen. Wäre die Studie während der aktuellen Finanzmarktkrise gemacht worden, wäre dieses Resultat noch deutlicher ausgefallen, betonte Schroeder.

Die Podiumsdiskussion zwischen sogenannter West- und Ostschule bestätigte zumindest den Graben zwischen Ost- und Westdenken. Die Schüler aus Steglitz-Zehlendorf bezeichneten die DDR als Verbrecherstaat. Im Miteinander von Jugendlichen aus Ost und West scheinen solche Meinungen aber keine allzu große Rolle mehr zu spielen. So meinte eine Schülerin der Wilma-Rudolph-Oberschule auch, dass man mit jungen Leuten aus dem Osten besser sprechen könne, da diese offener wären. Die Schüler aus Pankow schienen stärker mit ihren Eltern im Dialog zu stehen und versuchten ein differenziertes DDR-Bild zu zeichnen. Sie fühlten sich auch gut von ihren Lehrern informiert, hatten Zeitzeugen zu deren Alltagsleben befragt und mit ihnen darüber diskutiert. Und sie beharrten darauf, dass in der DDR nicht pauschal alles schlecht und gut war, und schlossen sich dem Gedanken an, die Historie des Alltagsleben und die des Systems zu trennen.

Dieser Meinung war auch Thomas Lange von den Jungen Philologen aus Leipzig, der Verständnis für den Unmut der Schüler äußerte, die sich während der Podiumsdiskussion gegen die Art und Weise der Moderation wehrten. Die Fragen, ob die Schüler Freunde im Osten haben oder in den Westen ziehen würden, erschien den Schülern unwichtig und fast lächerlich. Sie wiesen darauf hin, dass sie auch nicht das Geschichtsbild ihrer Eltern vertreten, sondern ihr ganz eigenes. Einstimmig bemerkten sie, ihre Generation werde die Mauer in den Köpfen hoffentlich zerstören, denn ihnen falle es leichter, zwischen dem Negativen und Positiven der DDR zu unterscheiden. Thomas Lange betonte ebenfalls, dass es kein Ost-West-Problem mehr gebe, einzig die ständige Betonung von Alltagserfahrungen in der DDR trügen zu einem verzerrtem Bild in den Medien bei. Alltag und System seien zwei verschiedene Paar Stiefel.

Für Beifall bei den Schülern sorgte der Hinweis Langes, dass Wissenslücken bei Schülern nichts Ungewöhnliches seien, ob in Mathe, Deutsch oder Geschichte. Ihr Unwissen und Desinteresse ist etwas, was vor allem die Erwachsenen interessiere und störe.

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