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Ein Spiel mythischer Helden

»Petteia« begeisterte schon Achilles und Ajax vor gut 3000 Jahren

Was tun, wenn Bioterroristen zuschlagen? Einfach in einem Handbuch von DR. WLADYSLAW JAN KOWALSKI (Foto: privat) nachschlagen. Der 54-Jährige lebt auf einer Farm im US-Bundesstaat Michigan und gehört gleichzeitig dem Vorstand eines Unternehmens an, das sich auf die Dekontaminierung von Krankenhäusern und Bürokomplexen spezialisiert hat. Nebenbei analysiert er Strategiespiele der Griechen und Römer. Insbesondere das gut 3000 Jahre alte »Petteia«. Auf einen Trip in die Antike lässt sich ND-Autor RENÉ GRALLA mitnehmen.

ND: Gebäude entgiften und Denksportübungen der Hopliten und Legionäre wieder auferstehen lassen: Wie passt das zusammen?
KOWALSKI: Die klassische Welt und griechisch-römische Kunst und Kultur haben mich schon immer fasziniert. Alle Bücher, die mir dazu in die Hände fielen, habe ich verschlungen. Bei der Lektüre fand ich viele Hinweise auf Brettspiele, und ich begann mich zu fragen, ob es möglich sei, die Regeln zu rekonstruieren. Das dürfte mir im Wesentlichen gelungen sein, weil die Spiele mathematischen Prinzipien folgten und gleichzeitig relativ einfach strukturiert waren.

Griechische Vasen zeigen nicht selten Achilles und Ajax, die sich über ein Brett beugen. Was treiben die Helden aus der Ilias da?
Sie messen sich wahrscheinlich im »Petteia«. Und sie sollen, das überliefert die Sage, derart tief in die Partie versunken gewesen sein, dass Athene persönlich herbeieilen musste, um die Frontmänner der Griechen vor einem Angriff der Trojaner zu warnen. Da der reale Konflikt, der Homer vermutlich als Vorlage für seine Heldengesänge gedient hat, auf das 12. oder 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung datiert wird, dürfte in jener Epoche auch »Petteia« entstanden sein. Zumal auf dem Hügel Hissarlik im Nordwesten der heutigen Türkei, wo mehrheitlich das historische Troja vermutet wird, tatsächlich das Fragment eines Spielbrettes ausgegraben worden ist.

Wie funktioniert »Petteia«?
Schwarz tritt gegen Weiß an und eröffnet die Partie. Jeder der beiden Kontrahenten verfügt über acht gleichwertige Steine, daher die Bezeichnung »Petteia«, übersetzt »Kiesel« oder »Bauer«. Die runden Scheiben werden vor Beginn des Matches auf der ersten beziehungsweise achten Reihe eines quadratischen 64-Felder-Plans nebeneinander platziert.

Die Steine ziehen wie die Türme im modernen Schach, das heißt, senkrecht oder waagerecht. Aber eben nicht diagonal. Außerdem können die Einheiten von eigenen oder fremden Truppen besetzte Positionen nicht überspringen. Ein feindlicher Soldat wird ausgeschaltet, wenn er zwischen zwei Angreifer gerät, die ihn entweder horizontal oder vertikal in die Zange nehmen. Das Treffen ist entschieden, sobald die Verbände des Kontrahenten aufgerieben sind. Alternativ hat derjenige gewonnen, dem es gelingt, die Armee seines Spielpartners vollständig zu blockieren, so dass der andere keinen weiteren Zug mehr ausführen kann.

Unterschiedliche Figurentypen gibt es nicht. Folglich dürfte das Spiel doch wohl recht übersichtlich und der Ablauf geradlinig sein?
Oh nein, ganz im Gegenteil! Möchte eine Seite die Oberhand gewinnen, muss sie äußerst subtil operieren und ihre Steine geduldig hin und her schieben. Allein schon einen Soldaten derart in die Enge zu treiben, um den Mann auszuschalten, ist ziemlich schwer, vorausgesetzt, dass Patzer unterbleiben.

Wie lange hat »Petteia« seine Fans gehabt?
Das Spiel ist mit dem Fall von Westrom untergegangen, während seine Weiterentwicklung »Latrunculi« möglicherweise von den Persern adaptiert worden ist. Die diesen Import – eine durchaus plausible These – später ausdifferenziert und in Schach transformiert haben.

Heute erlebt »Petteia« eine überraschende Renaissance als PC-Spiel, als schlauer Spaß zwischendurch.
Wirklich? Das wusste ich wiederum nicht! Aber das macht mir Mut, an meine Vision zu glauben, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft ein Sponsor findet, der alljährlich ein internationales Turnier im Petteia und im »Latrunculi« ausrichtet, das im Idealfall jährlich ausgetragen wird. Und dessen Champions uns in beiden Spielen die erfolgreichen Strategien zeigen, mit denen die Meister von einst brilliert haben.

Infos: www.aerobiologicalengineering.com;

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