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Die tingelnde Togotruppe

Berlin war schon im Kaiserreich Vergnügungsmetropole

»Weil ich auf der Bühne die Wilde spiele, versuche ich im rechtlichen Leben so zivilisiert wie möglich zu sein«, sagte Josephine Baker, die wie keine andere Künstlerin die entfesselten 20er Jahre verkörperte. Mit einer solchen spannungsvollen Gefühlslage war die farbige Tänzerin allerdings nicht alleine. Schon vor der Jahrhundertwende gab es afrikanische Bühnenkünstler, die in Berlin als Eingeborene auftraten.

Nayo Bruce war ein solcher Schausteller. Die Schweizer Autorin Rea Brändle schildert, wie der Mann aus der deutschen Kolonie Togo 20 Jahre durch Europa tingelte. Berlin mit seinen vielen Varietébühnen war für ihn eine Drehscheibe zwischen Ost und West. Anfangs fanden die Reisen noch unter den Verträgen von windigen Unternehmern statt, später wurde Bruce selbst Kopf einer Gruppe, die bisweilen auf zwei Dutzend Togolesen anwuchs. Er lernte schnell das Geschäft und wusste, was die Zuschauer sehen wollten: die Wilden aus dem Busch mit ihren fremden Tänzen und Gewohnheiten.

Hinter der Bühne aber fand längst ein Anpassungsprozess statt. Nicht zuletzt deshalb, weil Bruce als »schwarzer Landsmann« der Gerechtigkeit vertraute: »Die Deutschen gehen den Dingen auf den Grund und haben sie das Richtige erkannt, dann gilt ihnen weiß und schwarz gleich«, sagte der Togolese in einem Interview mit der Kölnischen Zeitung. Das war kurz nach seiner Ankunft in Deutschland im Jahre 1896, einer Phase der ersten Kontakte zwischen den Bewohnern der Kolonien und der deutschen Bevölkerung.

Beide Seiten nahmen sich als ausgesprochene Exoten wahr. Ein Wissenschaftler auf der Suche nach kindlichen Gebärden der Togolesen beobachtete etwa, wie abends im afrikanischen Dorf einer Völkerschau im Treptower Park sich einer der Männer einen Ring ins Auge geklemmt hatte, als sei es ein Monokel. Einen Spazierstock schwingend, griff er sich an den imaginären Zylinder und grüßte nach allen Seiten hin mit »Tagherrdoktorrr«.

Bei aller Sachlichkeit, mit der Rea Brändle den Weg der Schaustellertruppe nachzeichnet, ohne Leerstellen fiktiv zu füllen oder in einen eurozentrischen Blick zu verfallen – die Autorin kann immer wieder auf skurrile Anekdoten zurückgreifen. Sie stellt keinesfalls demütige Afrikaner dar, die beschimpft und deren Reisen durch Europa zum Spießrutenlauf wurden. Kurz vor seinem Tod im März 1919 äußerte Nayo Bruce dennoch den Wunsch, seine Kinder mögen einmal nach Afrika zurückkehren.

Aber Togo hatte sich unter der europäischen Herrschaft verändert. Lebte Nayo Bruce noch in polygamen Verhältnissen mit drei Frauen, so geriet seine Tochter Regina in Togo wegen einer unehelichen Schwangerschaft in Schwierigkeiten. Für die Missionare war das eine gravierende Verfehlung, worauf sie keine Antworten hatten, nur einen generellen Vorwurf: nämlich dass Afrikas Armut an der Lebensweise seiner Bewohner liege. Dabei litten weder die Schausteller auf ihren Reisen, noch Nayo Bruces 13 Kinder Not, denn das Familienoberhaupt war ein gescheiter Unternehmer.

Seine Touren plante er übrigens stets im Einvernehmen mit den Behörden. Die sahen ihn nämlich am liebsten in Europa, denn die deutschen Kolonien waren fragile soziale Gebilde, die leicht aus dem Gleichgewicht geraten konnten. Nayo Bruce, dem Stammesführer aus Togo, trauten die Berliner Kolonialbeamten einiges zu – auch dass er bei zu großer Unzufriedenheit rebellisch geworden wäre.

Rea Brändle: Nayo Bruce. Geschichte einer afrikanischen Familie in Europa, Chronos Verlag, Zürich 2007, 253 S., geb., 19,90 EUR.

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