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Erst zuhören, dann reden

Auf dem Geschichtsforum '09: Historiker über Opferkonkurrenz und Vergangenheitspolitik

  • Von Katharina Zeiher
  • Lesedauer: 3 Min.

Schwül und stickig war es im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin. Über der gläsernen Decke des Lichthofs braute sich dunkel ein schweres Gewitter zusammen. Im Rahmen des Geschichtsforums '09 hatten die Veranstalter am Samstagabend zur Diskussion über die national verschiedenen Perspektiven der »europäischen Diktaturgeschichte« geladen, wie es in der Ankündigung hieß. Von »heftigen Auseinandersetzungen« war darin auch die Rede gewesen.

Auf diese aber wartete das Publikum vergeblich. Die Einvernehmlichkeit auf dem Podium war vielleicht auch ein Resultat dessen, dass Diskutanten aus osteuropäischen Ländern weitgehend fehlten. Stattdessen gaben sich mehr oder weniger bekannte Vertreter der deutschen Erinnerungslandschaft wie Bernd Faulenbach und Antonia Grunenberg ein Stelldichein; auch der Geschäftsführer der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Uwe Neumärker, war zur Debatte eingeladen worden.

Naturgemäß ging es viel um die tatsächliche oder vermeintliche Konkurrenz des Erinnerns an Faschismus und »Kommunismus«. Einig waren sich alle, dass die Aufarbeitung beider Systeme notwendig sei; uneins war man sich über die Gewichtung. Neumärker kritisierte das »ständige Reden über 1989« im Gedenkjahr 2009 zu Lasten der Erinnerung an den Beginn des Vernichtungskriegs 1939. In seiner täglichen Arbeit stoße ihm stets auf, »wie wenig die Deutschen über die europäischen Orte des NS-Terrors wissen«.

Zsuzsa Breier von der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa hingegen sah einen Mangel der deutschen Erinnerungskultur eher im »fehlenden antikommunistischen Konsens«.

Der einzige Diskutant, der weder aus Deutschland kam noch hier lebte, war Jan Maria Piskorski, Professor für Vergleichende Geschichte Europas an der Universität Szczecin. Vom Moderator Alfred Eichhorn (Rundfunk Berlin-Brandenburg) wahlweise als »Herr Pisorski« oder »Pischorski« aus »Stettin« angesprochen, gewann seine Äußerung »Mir scheint es oft, als würden wir Polen gegen eine Wand sprechen« ganz neue Bedeutung. Piskorski und die gebürtige Ungarin Breier sahen sich zudem stets damit konfrontiert, den angeblichen politischen Extremismus in ihren Herkunftsländern erklären zu sollen.

Breier aber konterte geschickt – »bevor ich nun die Schuld der ungarischen Nation auf meine Schultern lade« – mit einer Kritik der deutschen Ungarn-Berichterstattung. Auch Piskorski kommentierte gut gelaunt, nicht allein die großen Parteien in Osteuropa seien extremistisch: »Kaczynski ist unser Franz Josef Strauß, und seine Partei PiS ist unsere CSU.«

Unter der Überschrift »Europa zwischen Teilung und Aufbruch« hatten die Veranstalter – darunter die Bundeszentrale für politische Bildung und die Kulturstiftung des Bundes – zum Geschichtsforum geladen; unter das Motto »Wir müssen reden« hatten sie passenderweise die rund 200 Veranstaltungen gestellt. Doch, wie es Piskorski und andere am Samstagabend formulierten: »Wir müssen zuhören« – das wäre die Voraussetzung über ein an gegenseitiger Verständigung orientiertes Sprechen über die europäische Geschichte.

Ein wichtiges Thema im Rahmen von »Opferkonkurrenz und Vergangenheitspolitik« hatte man zudem den ganzen Abend über anzusprechen vermieden – und das, obwohl mit Piskorski ein prominenter polnischer Vertreter der Debatte auf dem Podium saß. Der nutzte schließlich sein Schlusswort, um den erinnerungspolitischen Umgang mit Flucht und Vertreibung in Deutschland kritisch zu kommentieren: »Bevor die Mehrheit der Deutschen nicht weiß, was in ihrem Namen an Polen begangen wurde, sollte man etwas vorsichtiger mit der Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen sein.«

Das geplante Vertreibungszentrum wird auch Thema einer Veranstaltung am kommenden Dienstag sein. Dann diskutieren polnische und deutsche Historiker in der Humboldt-Universität über die Erinnerungsoffensive der Vertriebenen und den neuen deutschen Opferdiskurs.

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