Geschäft mit dem Mitleid

In der Vorweihnachtszeit nimmt die Spenden-Werbung stark zu. Experten raten zu genauer Prüfung

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In diesen Wochen flattern oft gleich mehrere Spendenbriefe am Tag ins Haus. Doch Spender müssen aufpassen, dass ihre Spende auch wirklich ankommt.

Trier (dpa/ND). Alle möglichen Organisationen bitten um Geld – für Hunger leidende Kinder, verwahrloste Tiere oder Opfer von Naturkatastrophen. Denn klar ist: »Vor Weihnachten gibt es eine erhöhte Spenden- und Hilfsbereitschaft«, sagt Claudia Bies, die bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier mit Kollege Sven Brauers über die Spenden in Rheinland-Pfalz wacht. Doch Spender sollten sich auf keinen Fall von Hochglanzbroschüren und Mitleid erweckenden Bildern beeindrucken lassen, rät die Juristin: »Ganz genau hinschauen, wofür das Geld eingesetzt wird.«

Nicht selten wird in den Spendenaufrufen mit Druck gearbeitet. Es gibt Fälle, in denen neben einem Foto von einem halb verhungerten Kind aus Afrika steht: Mit einer kleinen Spende können Sie helfen, dass das Kind jetzt noch einen Monat länger lebt. Wenn Sie ein bisschen mehr geben, lebt es noch zwei Monate. »Die Oma, deren Enkeln es gut geht, sagt sich dann, ich kann doch nicht dafür verantwortlich sein, dass das Kind morgen stirbt«, sagt Bies. Aber eigentlich weiß die Frau gar nichts über die Organisation, an die sie Geld schickt. Und auch nicht, wie viel ihrer Spende tatsächlich ihren Zweck erreicht.

44 Sammlungsverbote

»Wir raten zu informierten Spenden«, sagt Verwaltungswirt Sven Brauers, der bei der Spendenaufsicht jedes Jahr 30 bis 40 Vereine überprüft. Es sei gut, wenn der Spender bei der Organisation nachfrage oder etwa einen Tätigkeitsbericht anfordere. Allgemein gelte: Je unbekannter eine Organisation sei und je weiter weg das Geld eingesetzt werde, desto geringer sei die Chance, die Verwendung des Geldes zu überprüfen. »Und desto höher ist die Gefahr, dass ein großer Teil des Geldes nicht für den eigentlichen Zweck verwendet wird, sondern zum Beispiel für Hochglanzbroschüren oder Geschenke, die teils mitgeschickt werden«, sagt Bies.

Der »Spenden-TÜV« der ADD will, dass das gespendete Geld auch ankommt. Seit 2002 sind bereits 44 »schwarze Schafe« entdeckt und mit einem landesweiten Sammlungsverbot belegt worden. Die meisten waren bundesweit tätige Vereine. Aktiv werden die ADD-Kontrolleure etwa, wenn es Beschwerden aus der Bevölkerung gibt. Zum Beispiel, wenn man sich bei der Spenden-Akquise bedrängt oder überrumpelt fühlt. Oder bei mehrfachen Abbuchungen von Förderbeiträgen. »Die Bevölkerung gibt inzwischen fleißig Hinweise«, sagt Brauers, der seit 2000 im Amt ist. Bei Info-Ständen und Haustürsammlungen sollte man sich bei Zweifeln die Sammlungserlaubnis zeigen lassen.

Bundesweites Unikat

»Jede Sammlung mit direkter Ansprache – Aug in Aug – ist erlaubnispflichtig«, sagt Bies. Weil da ein ganz anderer Druck aufgebaut wird. »Das ist anders, als wenn eine Spendendose beim Bäcker steht, wo ich wegschauen kann.« Generell gut sei es, auch regionale Organisationen wie beispielsweise das Tierheim zu unterstützen. Da sehe man, was mit dem gespendeten Geld passiert. Die Spendenaufsicht der ADD ist bundesweit eine Besonderheit. Um die 210 bundesweit tätige Organisationen wurden bereits überprüft.

www.add.rlp.de

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