Der Überlebende

Der weiße Rabe – Max Mannheimer von Carolin Otto

  • Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.
Max Mannheimer auf dem ehemaligen Appellplatz
Max Mannheimer auf dem ehemaligen Appellplatz

Max Mannheimer ist ein begeisterter, mehr noch: ein wirklich guter Witzeerzähler. Einer, der nicht einfach nur loslegt, sondern die Herausforderung schätzt. Nicht irgendeinen Witz will er erzählen, nein, er macht sich anheischig, zu jedem Stichwort, das sein Gegenüber spontan ins Rennen wirft, einen guten Witz zu kennen. »Fisch«, sagt der Freund auf der Rückbank des Wagens. »Fisch«, grübelt Mannheimer kurz, und legt dann los: »›Entschuldigen Sie, wohnt hier in diesem Haus ein gewisser Fisch?‹ Sagt der: ›Ja, im vierten Stock – Hecht heißt der.‹« Ein Witz, so kurz, bündig und von ebenso verquerer wie unwiderlegbarer Logik, dass er sich auch dem Zuschauer einprägt, der sich sonst nie Witze merken kann. Solch ein Virtuose des Witzeerzählens ist Max Mannheimer.

Aber das ist nur die eine Facette. Das gute Gedächtnis, das Mannheimer zu einem nimmermüden Witzeerzähler macht, ist Gabe und Fluch zugleich. Für einen deutschen Juden, der mehrere Konzentrationslager durchlitt und in Auschwitz Eltern, Geschwister und seine junge Ehefrau verlor, wäre ein bisschen gnädiges Vergessenkönnen gelegentlich eine noch größere Gabe, eine Befreiung von der Last der stets detailgenau gegenwärtigen Erinnerung. Einer Erinnerung, die Max Mannheimer wie andere Überlebende auch zunächst jahrelang mit sich selbst ausmachte. Mit den eigenen Kindern und Enkeln über das Grauen zu sprechen – das ging nicht. Die Kinder lernten die Tabuzone respektieren und schwiegen, um den Vater zu schonen.

Max Mannheimer heiratete wieder, und weil seine zweite Frau Deutsche war, aus einer sozialdemokratischen Widerständler-Familie – eine echte Heldin, sagt er, er selbst sei ja »nur« Opfer gewesen –, kam er nach kurzem Exil wider alle Vorsätze nach Deutschland zurück. Später, seine Frau war an Krebs gestorben, schrieb er für seine halbwüchsige Tochter ein spätes Tagebuch seiner Erlebnisse. Die Tochter nahm es entgegen, traute sich aber kaum, es zu lesen. Weil dieses Tagebuch 1985 in der Schriftenreihe der Dachauer Hefte erschien, wurde Max Mannheimer zum Vortragsreisenden in Sachen Zeitzeugenschaft. Und betont dabei stets, Zeitzeuge sein zu wollen, nicht Ankläger – so groß ist dieser Witzeerzähler, den nicht zuletzt sein Humor vor der Verzweiflung bewahrt. Als die doch einmal durchbricht, Jahrzehnte später in Amerika, ist der Zusammenbruch so drastisch, dass Max Mannheimer für zwei Wochen in der Psychiatrie landet.

1991 reist er mit Dokumentarfilmerin Carolin Otto zum ersten Mal seit der Lagerhaft nach Auschwitz. Seitdem filmt die Regisseurin Max Mannheimer, den sie eher zufällig in Dachau kennengelernt hatte, filmt ihn bei wohlvorbereiteten Vorträgen vor Schulklassen, im spontanen Gespräch mit Gedenkstätten-Besuchern aus aller Herren Länder, bei Schweigeminuten an Gedenksteinen in Deutschland und Polen, an seinem tschechischen Geburtsort mit der Tochter im Speisesaal, in dem der Vater immer Karten spielte, oder im Auto sitzend mit dem überlebenden – inzwischen aber auch verstorbenen – Bruder Edgar, beim Malen, das sich als therapeutisch erwies, mit seinem japanischen Übersetzer, ganz privat im Hotelzimmer oder im Gespräch mit einer befreundeten Ordensschwester aus dem Kloster Auschwitz. Und am Ort der Wiedergeburt nach der Befreiung, in Tutzing am Starnberger See.

Drei Filme haben sie so zusammen gemacht, »Der weiße Rabe – Max Mannheimer« ist der Kulminationspunkt. Ein Film, der das Material aus Jahrzehnten zum Porträt eines Mannes, seines Leidensweges und seiner Verdienste um die Bewahrung dessen verwebt, was er selbst am liebsten vergessen würde, der Nachwelt aber nicht vorenthalten kann. Ein Film über einen Bundesverdienstkreuzträger, einen eindrucksvollen alten Herrn in Schlips und Anzug, mit buschigen Brauen und schlohweißer Mähne, dessen vitale Präsenz die Leinwand füllt. Einen weißen Raben nennt Max Mannheimer sich einmal selbst, eine sehr, sehr seltene Erscheinung. Viele Überlebende gab es ja nie, die von ihren Erfahrungen hätten berichten können, um vor einer Wiederholung zu warnen. Aber heute sind es weniger denn je.

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