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Mob und Mafia regieren in Rosarno

Jagd auf Einwanderer in Süditalien

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 2 Min.
In süditalienischen Rosarno fand in den letzten Tagen eine der furchtbarsten rassistischen Episoden statt, die Europa in den letzten Jahren erlebt hat. Ein aufgebrachter Mob, wahrscheinlich von der örtlichen Mafia inspiriert und angeführt, vertrieb mit brutaler Gewalt etwa 2000 Landarbeiter, die Mehrzahl aus Schwarzafrika. Ihre »Schuld«: sie hatten sich gegen die menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen aufgelehnt.

Für einen Hungerlohn hatten die Arbeiter monate- und jahrelang Apfelsinen und Oliven, Clementinen und Tomaten von den Feldern geholt. Einen Teil ihres Lohns mussten sie dann auch noch an sogenannte Arbeitsvermittler abgeben, die sie jeden Morgen zu den Landbesitzern brachten. Gegen diese absolut illegale Praxis hatten sie protestiert.

Das wollte die örtliche Mafia, die 'Ndrangheta, nicht hinnehmen und schickte ein Killerkommando in das Städtchen – zwei Arbeitnehmer wurden schwer verletzt. Als die Afrikaner dann einen Protestmarsch organisierten, wurden sie auch von den Bewohnern von Rosarno angegriffen. Es kam zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei, Autos wurden in Brand gesteckt, Fensterscheiben zerschlagen. Gruppen von Männern, die sich als »Bürgerwehr« bezeichneten, verfolgten die Landarbeiter bis in ihre armseligen Behausungen und schlugen mit Stöcken auf sie ein. Schließlich luden die Ordnungskräfte die Afrikaner in Busse und brachten sie in Auffanglager. Viele von ihnen wurden sofort ausgewiesen. Was aus den anderen wird – einige mit regulärer Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, andere Asylanten – ist noch nicht klar.

So weit die beängstigenden Fakten. Aber es kommt noch schlimmer. Noch während der Straßenschlachten in Rosarno erklärte Innenminister Roberto Maroni, man sei gegenüber den Ausländern schon viel zu lange viel zu tolerant gewesen und jetzt sei Schluss. Fast die gesamte Medienlandschaft sprach von den »gewalttätigen Illegalen« und den braven Bürgern von Rosarno, die von den »Negern« angegriffen worden waren. Selbst die parlamentarische Opposition reagierte – wenn überhaupt – unentschlossen und halbherzig. Die Gewerkschaften glänzten durch Abwesenheit. Nur vereinzelt wurden Stimmen laut, die von »moderner Sklaverei« und »unerträglicher Ausbeutung« sprachen. Die Rolle der 'Ndrangheta, die in Kalabrien das gesamte öffentliche Leben beherrscht und die offensichtlich auch diesmal entscheidend war, wurde mehr oder weniger unter den Tisch gekehrt. Kaum jemand wies darauf hin, dass die afrikanischen Migranten genau das getan hatten, was Politik, Kirchen und Institutionen seit vielen Jahren fordern: Die Bevölkerung solle sich gegen die Willkürherrschaft der organisierten Kriminalität auflehnen.

Jetzt ist es in Rosarno wieder einigermaßen ruhig. In wenigen Tagen wird man die Arbeiter, die am in den vergangenen Tagen flüchten mussten, durch andere rechtlose und erpressbare Menschen ersetzt haben. Und kaum jemand wird aufschreien und daran erinnern, dass in Italien die universellen Menschenrechte erneut mit Füßen getreten wurden und der übelste Rassismus wieder einmal gesiegt hat.

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