Vernichten und vertuschen

GastkolumneVon Otto Köhler

Der Publizist (75) wurde 2007 für sein Lebenswerk mit dem Kurt-  Tucholsky-Preis ausgezeichnet.
Der Publizist (75) wurde 2007 für sein Lebenswerk mit dem Kurt- Tucholsky-Preis ausgezeichnet.

4. September 2009 – 4. März 2010. Endlich: Zum halbjährigen Jubiläum des Bundeswehrmassakers von Kundus wird die Staatsanwaltschaft tätig. Das wurde am Abend des 4. März bekannt. An diesem Donnerstagabend trat der Bundestagsuntersuchungsausschuss zusammen, um Brigadegeneral Jörg Vollmer zu hören, den Vorgesetzten von Oberst Georg Klein, durch dessen Kommando 142 Menschen »vernichtet« wurden. Vollmer war zur Tatzeit deutscher Regionalkommandeur für Nordafghanistan. Die Aussage des Brigadegenerals ist wichtig, damit die Parlamentarier beurteilen können, wie die Bundeswehr das Massaker von Kundus vertuschen wollte.

Die Ausschussmitglieder mussten in einen engen Raum auf der Präsidialebene des Reichstags umziehen, wo sie, so ein Teilnehmer, wie Sardinen in der Büchse saßen. Nur dort konnte der General bei seiner Ankunft vor Journalisten geschützt werden. Das entsprach der Fürsorgepflicht des Bundestagspräsidenten für »unsere Soldaten«. Eine Woche zuvor hatte Norbert Lammert diese Pflicht mit Leidenschaft und Nachdruck ausgeübt, als er während der Afghanistandebatte die Abgeordneten der Linkspartei mit den Namen der Opfer, die sie zum Gedenken vor sich trugen, aus der Sitzung warf.

Doch es wurde wieder nichts aus dem Auftritt des Generals. Warum? Die Wahrheit über den 4. September des Generals Vollmer platzte in die Ausschusssitzung. Der »Spiegel« berichtete um 17.23 Uhr auf seiner Website, was der General fernschriftlich dem ebenfalls vorgeladenen Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam, Generalleutnant Rainer Glatz, mitgeteilt hatte.

Vollmer meldete Glatz nach Potsdam, was er am Tag des Massakers vom zuständigen Offizier erfahren hatte: Es sei nicht ausgeschlossen, dass auch Zivilisten bei dem Luftschlag ums Leben gekommen seien. Dann kamen den Generälen Bedenken. Der »Spiegel«-Bericht: »Lange bleiben diese Informationen nicht im militärischen Netz. Schon dreieinhalb Stunden später sind sie gelöscht.« Die Generale – beide waren schon Ende letzten Jahrhunderts an der Zerstörung Jugoslawiens beteiligt – hatten noch am 4. September zweimal miteinander telefoniert und die Brisanz der Meldung erkannt.

Der Auftritt der beiden Generale vor dem Ausschuss wurde abgesagt. Jetzt soll von der Staatsanwaltschaft ermittelt werden. Wegen Geheimnisverrats. Weil der »Spiegel« den geheimen Schriftverkehr der Generale ans Licht brachte, die das Massaker vertuschen wollten.

Der Haupttäter, Oberst Klein, ist noch immer auf freiem Fuß. Die zuständige Generalbundesanwaltschaft kann sich – ein halbes Jahr nach dem Massaker – nicht entschließen, ein Ermittlungsverfahren gegen den Obersten einzuleiten. Und sein Komplize, der als »Roter Baron« bekannte Flugleitoffizier und Oberfeldwebel Markus Wilhelm, wurde inzwischen sogar zum Hauptfeldwebel befördert.

Sie alle, Oberst Klein, sein »Roter Baron« und ein 52-jähriger Major, der sich mit dem Namen Jan Jannsen tarnt, haben den Kindermord gut überstanden. Dem Bocholter-Borkener Volksblatt versicherte der Major mit »freundlich blitzenden« Augen während seines Weihnachtsurlaubs bei Frau und Kind: »Abschalten kann ich hervorragend.« Er saß dabei, als Oberst Klein seinen Vernichtungsbefehl erteilte.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung