Schokolade hilft nicht beim Wachsen

Lebensmittelhersteller werben mit unsinnigen Zusätzen, die der Gesundheit dienen sollen

  • Eric Breitinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Omega-3-Fettsäuren haben einen sagenhaften Ruf: Sie schützen angeblich vor Herzkreislauferkrankungen und Krebs, beugen Depressionen vor und fördern das Denkvermögen. Nestlé, Ruf oder Unilever reichern daher Margarine, Brot, Mayonnaise und Babynahrung neuerdings mit Omega-3-Fettsäuren an und verlangen für diese Produkte deutlich mehr Geld als für herkömmliche. Zudem bewerben sie sie mit der Behauptung, dass sie gesund machen.
Skepsis gegenüber den Versprechen der Hersteller ist angesagt.
Skepsis gegenüber den Versprechen der Hersteller ist angesagt.

Ob der Konsum von Lebensmitteln, die mit Omega-3-Fettsäuren angereichert sind, einen gesundheitlichen Nutzen hat, ist fraglich. So hatten Forscher für eine Cochrane-Überblicksstudie knapp 100 Studien zum Thema ausgewertet. Ihr Fazit: Es gibt keinen klaren wissenschaftlichen Beweis, dass extra verabreichte Omega-3-Fettsäuren vor den verbreiteten Herzkreislauferkrankungen schützen. Ein Schutzeffekt für Krebs ließ sich ebenfalls nicht belegen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung fordert Grenzwerte für die Anreicherung von Lebensmitteln mit Omega-3-Fettsäuren. Wer zu viel von diesen zu sich nimmt, läuft Gefahr, den Cholesterinspiegel zu erhöhen, die Blutungsneigung zu verstärken oder nach einem Herzinfarkt das Risiko eines weiteren Infarkts zu erhöhen. Ältere droht eine Beeinträchtigung ihrer Immunabwehr.

Die Gesundheitsversprechungen der Hersteller verfangen dennoch bei vielen Konsumenten: Der Absatz von sogenanntem Functional Food ist in Westeuropa laut der Marktforschungsfirma Euromonitor zwischen 2004 und 2007 um 10,2 Prozent pro Jahr gewachsen, der Umsatz normaler Lebensmittel nahm nur um 6,3 Prozent zu. Verlassen können sich die Käufer auf die Anpreisungen der Hersteller allerdings nicht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im italienischen Parma hat 939 solcher »gesundheitsbezogenen Angaben« auf Lebensmitteln auf ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit hin überprüft. Ergebnis: Nur 180 Aussagen sind aus EFSA-Sicht wissenschaftlich korrekt, 759 lehnte sie ab. Laut EFSA-Sprecherin Lucia de Luca »fehlten bei ihnen die wissenschaftlichen Nachweise eines Nutzens oder positive Ergebnisse bei Menschentests oder klare Angaben zu den Inhaltsstoffen.« Die EFSA wird bis 2011 über 3000 weitere Werbeaussagen abklopfen. So fordert es die 2007 in der Europäischen Union in Kraft getretene »Health-Claims-Verordnung«, die den Wildwuchs an Gesundheitsversprechen eindämmen soll. Die Europäische Kommission muss nun die durchgefallenen PR-Sprüche verbieten, bei einigen hat sie das bereits getan.

So darf Ferrero Kinderschokolade nicht mehr mit der Botschaft »Hilft beim Wachsen« vermarkten. Die Firma Lipton darf nicht mehr damit werben, dass ihr Schwarztee aus Camellia sinensis »die Konzentrationsfähigkeit unterstützt«. Milchverarbeiter dürfen für viele probiotische Joghurts oder Milchprodukte keinen gesundheitlichen Nutzen mehr behaupten. Die EFSA hat 170 »Health-Claims« für probiotische Bakterien abgelehnt, weil die Hersteller nicht klar definiert hatten, welche Keime sie verwenden.

Die EFSA hat indes erst 18 von 78 Anträgen zu Omega-3-Fettsäuren abschließend beurteilt. Die Behörde akzeptierte nur wenige Aussagen, die Omega-3-Fettsäuren einen Nutzen bei der Entwicklung des Gehirns und Sehvermögens von Kleinkindern zuschreiben. Abgelehnt hat die EFSA indes Aussagen wie »Omega-3-Fettsäuren erhöhen die Denkfähigkeit«, »Omega-3-Fettsäuren fördern die Entwicklung des Zentralnervensystems« oder »Omega-3-Fettsäuren fördern die Entwicklung von Augen und Gehirn«. Der Behörde zufolge konnte in keinem der Fälle ein »Ursache-Wirkungs-Zusammenhang« zwischen dem Konsum und den behaupteten Effekten gefunden werden.

Ernährungsexperten raten ohnehin zur Skepsis gegenüber den angeblichen Gesundmachern aus dem Labor. David Fäh vom Institut für Präventiv- und Sozialmedizin der Uni Zürich sagt: »Bei den meisten Produkten fehlt der Nachweis für einen gesundheitlichen Nutzen.« Und für Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, ist klar, dass »solche Lebensmittel eine ausgewogene Ernährung nicht ersetzen können.«

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