Werbung

Kreuzberger Straßenschlachten light

Revolutionäre Demonstration verläuft friedlich / Vereinzelt Ausschreitungen im Anschluss

Es ist noch alles friedlich am Nachmittag dieses 1. Mai in Kreuzberg. Tausende drängen sich durch die Straßen. Von den Bühnen des Myfestes in der Oranienstraße und am Mariannenplatz schallen Reggae, Orientalische Klänge und Punkrock. Überall duftet es nach exotischem Essen. Der Alkohol fließt nicht in Mengen, das Flaschen- und Dosenverbot wird weitgehend eingehalten. Das zumeist junge Publikum trinkt aus Plastikbechern. Doch die Stimmung ist alles andere als ausgelassen, nur wenige tanzen – es ist einfach zu eng. Die Polizei hält sich zurück, hat aber alles im Blick. Kaum bemerkt von der Menge kreist über ihnen ein Polizeihubschrauber in der dunstigen Luft.

Der observiert nicht nur das Fest, sondern vor allem die Vorbereitungen für die Revolutionäre 1. Mai Demonstration, die in den Abendstunden an der Kottbusser Brücke startet. Zwischen den U-Bahnhöfen Kottbusser Tor und Schönleinstraße stehen die Polizeibusse dicht an dicht, viele haben Autokennzeichen aus Hamburg oder Schleswig-Holstein. Die Beamten führen umfassende Vorkontrollen durch. Die Demonstrationsteilnehmer fügen sich und zeigen den Inhalt ihrer Rucksäcke.

Die Kontrollen haben viele aufgehalten. Der Zug setzt sich deswegen eine Stunde später in Bewegung als geplant. Auf dem Demonstrationswagen spielt eine Hip-Hop-Band. Die Teilnehmer schwenken rote Fahnen, vereinzelt auch Flaggen der DKP und der Linksjugend ['solid]. Es geht von Kreuzberg durch Neukölln. Die Route ist auch deswegen gewählt worden, weil hier die Verdrängungsprozesse durch Sanierungen und höhere Mieten, gegen die sich die Demonstration richtet, besonders hoch sind. »Wir sind gegen die Gewalt der freien Marktwirtschaft, die viele Menschenleben zerstört«, brüllt es vom Wagen. »Gegen Kapitalismus – Für die soziale Revolution!« Die Polizei stellt sich den Demonstranten nicht in den Weg.

Am Spreewaldplatz endet der Zug. Am Rand formieren sich gepanzerte Einheiten. Direkt vor ihnen feiern die meisten Teilnehmer friedlich. Doch als die Dämmerung hereinbricht, knallt es auf einmal in der nahe gelegenen Skalitzer Straße. Feuerwerkskörper fliegen gegen Polizeiautos. Immer mehr Schaulustige kommen hinzu und fotografieren.

Um 21 Uhr werden erste mutmaßliche Gewalttäter von der Polizei aus der Menge gezogen und abgeführt. Einige sind am Kopf verwundet. Die Ausschreitungen gehen indes weiter. In der Wiener Straße werden Flaschen auf Einsatzwagen geschleudert. Polizisten gehen daraufhin mit Schlagstöcken gegen Autonome vor. Unbeteiligte, die ihnen dabei im Weg stehen, stoßen sie beiseite.

Doch es bleibt vorerst bei Einzelfällen. Bis in der Nähe des Kottbusser Tores mehrere Mannschaftswagen mit Steinen attackiert werden. Die Beamten verstärken daraufhin ihr Aufgebot. Ein Meer von Blaulichtern bedeckt am späten Abend die Warschauer Straße in Friedrichshain – mehr als 20 Polizeibusse rasen von dort in Richtung Kreuzberg. In der Kottbusser Straße werden sogar Wasserwerfer aufgefahren. Als sich hier nach Mitternacht die Lage beruhigt hat, ziehen sie sich jedoch wieder zurück.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung