Brüderle paradox

Es sind nicht nur die altbekannten Kinder-statt-Inder-Populisten, die den Vorstoß von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle zu einem Begrüßungsgeld für ausländische Fachkräfte brüsk zurückweisen. Auch Frank Jürgen Weise von der der Regierung unterstehenden Bundesagentur für Arbeit äußerte sich in einem Ton, der für einen Behördenchef ungewöhnlich deutlich ist. Darin dürfte Weise auch den Frust zum Ausdruck bringen wollen, dass die Behörde ihre arbeitslosen »Kunden« kaum in die besser bezahlten Stellen von Unternehmen vermittelt bekommt, die dann auch noch über Fachkräftemangel jammern.

Brüderle liegt mit seiner Idee völlig daneben. Offenbar glaubt der gern bekennende Wirtschaftsliberale immer noch, mit Geld sei jedes Problem zu lösen. Auch für die Misere in einigen Fachkräftebereichen trifft dies nicht zu, denn die Ursachen liegen tief: etwa in der Sparwut der Unternehmen, welche das ständige Weiterqualifizieren der Mitarbeiter verhindert, im nach wie vor sozial aussiebenden Bildungssystem, das Arbeiterkinder von den Unis weitgehend fernhält, oder in der oft schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hinzu kommt, dass auf dem deutschen Arbeitsmarkt auch nach über 40 Jahren Einwanderungserfahrung Ausländer massiv diskriminiert werden. Wenn angeworbene Fachkräfte ihre Familie nicht mitbringen dürfen, würde etwas Begrüßungsgeld genauso wenig bringen wie seinerzeit die Schrödersche Greencard. Es ist geradezu paradox: Der Wirtschaftsminister glaubt offenbar, dass sich Fachkräfte leicht hierher locken lassen – in Wirklichkeit verlassen gut qualifizierte, hier geborenen Migrantenkinder in Scharen das Land.

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