Stille, Stall. Hof, Haus. Licht, Luft.

Fotos in Dresden

  • Sebastian Hennig
  • Lesedauer: 2 Min.
August Kotzsch: Vater Langbein Abschied nehmend
August Kotzsch: Vater Langbein Abschied nehmend

In Loschwitz bei Dresden vollendete sich vor hundert Jahren das Leben des Foto-Pioniers August Kotzsch. Erst elf Jahre später wurde das Elbweindorf nach Dresden eingemeindet. Das Stadtmuseum Dresden zeigt nun in einer Sonderausstellung die Fotografien und einen Teil der Arbeitsgeräte von Kotzsch, aber auch seine frühen Zeichnungen. Obwohl der Fotograf seiner Tätigkeit keinen künstlerischen Wert beimaß, stand doch am Anfang ein Hinweis zur bildenden Kunst. Ludwig Richter, der als Sommergast im elterlichen Weinberg weilte, empfahl den Sohn Kunst studieren zu lassen. Dafür mangelte es am Geld. So betätigte er sich nebenbei als Gehilfe eines Fotografen. Nach dessen Tod erwarb er von der Witwe die fotografische Ausrüstung, machte sich selbstständig.

1861 war die Glockenweihe der Loschwitzer Kirche das erste Ereignis, durch dessen Dokumentation er sich seinen Mitbürgern empfahl. Sein Wirkungsraum blieb auf die nächste Umgebung beschränkt. In Schaukästen brachte er die örtlichen Begebenheiten zur Anschauung: Überschwemmung, Brandbekämpfung, Bau- und Abrissarbeiten, die in der Gründerzeit nach dem Französischen Krieg den Lebensraum veränderten.

Genredarstellungen wie »Vater Langbein Abschied nehmend« (1878) erinnern an die ländlichen Darstellungen eines François Millet und zeigen im Gegensatz zur Tendenz der Zeit ein statisches Bild der Menschen. Es entsteht der Eindruck, dass bereits damals das Leben in der Dresdner Umgebung ebenso weit von den Manifestationen der Moderne Abstand hielt wie heute. Dresden war eine der großen und fortgeschrittenen Städte des Reiches, aber von der Wohlbehäbigkeit und Biederkeit der Väter wollte man sich darum keineswegs abschneiden. Den sächsischen König im benachbarten Wachwitzer Weinberg führt Kotzsch in die Handhabung der Fotoapparatur ein und erhält aus den herrschaftlichen Glashäusern tropische Früchte für seine präzisen Stillleben. Für einen New Yorker Verlag fertigte er seit 1880 Vorlagen mit Studienaufnahmen nach der Natur für Kunstmaler.

Die besondere Freilichtaura der Bildnisaufnahmen ist dem Umstand zu verdanken, das ihm kein Atelier zur Verfügung stand. Die Sessel wurden herausgetragen und die Dargestellten nahmen in einer morbiden Hofecke Platz. Unbefangen wurde die Not zur Tugend stilisiert, indem die »Kindtaufgesellschaft« (1873) zum Teil hinter der Halbtür des Stalldurchgangs steht, von ober herabblickt von der Rampe der Scheunenauffahrt und aus den kleinen Fenstern des Wohnhauses herauslehnt.

»Von Loschwitz nach Amerika – Fotografien von August Kotzsch (1836-1910)« im Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Straße 2, bis 26. 9., Di-Do 10-18 Uhr, Fr 10-19 Uhr. Katalog, 144 S., 19,90 Euro

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