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Der Fliehende, die Wissende

Vom Mythos in der Kunst – Sonderschau in der Willi-Sitte-Galerie Merseburg

Was hätten sich Ikarus und Sisyphos zu sagen, wenn sie sich träfen? Übermütiger Himmelsstürmer der eine, mit großer Geste aufbegehrend, wagemutig alles auf eine Karte setzend, um grandios zu scheitern; ein beharrlich-zäher Arbeiter der andere, der den Stein im Schweiße seines Angesichts auf den Berg hinaufwuchtet und doch schon weiß, dass er wieder und wieder zu Tale rollen wird. Im Bild von Ronald Paris sind sie sich begegnet – und schauen sich stumm in die Augen: Ikarus mit milder Herablassung, in der Pose des jugendlichen Rebellen die Flügel lupfend, Sisyphos mit Augen, die zu staunen, aber auch das Erschrecken über den jähen Sturz vorwegzunehmen scheinen. Der eine wird für Aufsehen sorgen: durch Tat und Tod. Der andere hält den Stein am Rollen.

Mit seinem 2005 entstandenen Bild hat Paris den Mythos gewissermaßen weitererzählt. In dessen überlieferter Form kreuzt sich Ikarus' Weg nicht mit dem des Sisyphos, ebensowenig wie mit dem von Kassandra, deren zermürbendes Schicksal es ist, die Wahrheit zu kennen, aber kein Gehör zu finden. Diese beiden brachte Klaus Süß in einem 1986 geschaffenen Farbholzschnitt zusammen. Er vereinte damit auf einem Blatt die beiden Vertreter aus dem antiken Mythenarsenal, die wohl nicht zufällig zu den präsentesten in der DDR jener Tage gehörten: einen Fliehenden und eine Wissende, der freilich niemand Glauben schenkt.

Überhaupt sind Kassandra, Sisyphos und die anderen Helden des antiken Mythos häufige Gäste in der DDR-Kunst. Peter Arlt spricht gar von einer »in Europa einzigartigen Kumulierung«. Diese These findet bestätigt, wer die von Arlt kuratierte neue Sonderausstellung in der Willi-Sitte-Galerie in Merseburg besucht. Unter dem Titel »Kassandra auf dem Forum« widmet sich die Exposition den Mythendarstellungen in der Kunst. Gezeigt werden 80 Werke aus sechs Jahrzehnten. Vertreten sind zwar auch der Westdeutsche Markus Lüpertz oder der (in Friedrichroda wohnhafte) Spanier Jorge Villalba. Der eindeutige Schwerpunkt liegt aber auf Werken von Malern, Grafikern und Bildhauern, die sich in der DDR an den mythologischen Themen abzuarbeiten begannen, deren Figurenarsenal freilich seither oft auch treu geblieben sind. Beispielhaft stehen dafür eine Plastik und Skizzen aus dem zurückliegenden Jahrzehnt, die Wieland Försters anhaltende Beschäftigung mit der Figur des Marsyas belegen.

Ein Zufall ist die Popularität dieser Sujets gerade in der DDR nicht, sagt Arlt: Der Bezug auf Ikarus, Kassandra & Co. habe es erlaubt, indirekt und anspielungsreich, gleichwohl aber klar verständlich die Unzufriedenheit mit oder das Leiden an den Verhältnissen zu thematisieren. Gerade Kassandra, die unerhörte Seherin, wurde vielen Künstlern zur Identifikationsfigur.

Das belegen Darstellungen von Ronald Paris, Angela Hampel und Rolf Kuhrt im Foyer der Ausstellung, später auch zwei der Grafiken, mit denen Nuria Quevedo die literarische Verarbeitung des Stoffes durch Christa Wolf kommentierte. Deutlich wird dank dieser Bündelung, wie unterschiedlich sich teilweise ein- und derselbe Künstler der Figur nähert. Bei Kuhrt beispielsweise schreit Iphigenie 1982 noch gegen die Taubheit ihrer Umwelt an. Knapp zwanzig Jahre später entstand eine Eichenholz-Plastik mit dem bezeichnenden Titel »Verhüllte Kassandra«: Wo Rebellion war, hat Resignation Einzug gehalten. Innere Nähe zum Personal der antiken Mythen ist dabei augenscheinlich vor allem dann entstanden, wenn es um Erfahrungen von Schmerz, Scheitern und Enttäuschung ging – beim »Sich-Schinden«, wie es Arlt formuliert, der darauf verweist, dass selbst bei Ikarus-Darstellungen selten der berauschende Moment des kühnen Aufschwingens gewählt wird, sondern der jähe Absturz. Deutlich seltener wird das in den antiken Erzählungen ebenfalls thematisierte »Schwelgen« aufgegriffen, die bacchantische Sinnenfreude etwa oder erotische Abenteuer, wie sie Leda mit dem Schwan erlebt. Lediglich das »Urteil des Paris« findet sich in auffälliger Vielfalt in der Ausstellung, in der es neben dem Sich-Schinden und dem Schwelgen auch um das Schmunzeln geht.

Im Dachgeschoss der Galerie sind Karikaturen versammelt, quasi als kommentierendes Satyrspiel zum Thema der Exposition: eine von Rainer Schwalme gezeichnete Leda, die einen Pleitegeier umarmt, oder ein um 1990 entstandener Ikarus, der keine Flügel besitzt, aber von Händlern drei verschiedene Modelle angeboten bekommt – mit der Aussicht, mit jedem von diesen abzustürzen.

Gezeigt wird die sehenswerte Ausstellung, in der auch Künstler wie Heisig, Tübke, Hegewald und selbstverständlich Sitte vertreten sind und die keine Fehlstelle aufweist, bis zum 28. Februar, dem fünften Jahrestag der Galeriegründung (und 90. Geburtstag ihres Namensgebers). Zu wünschen wäre, dass die Schau viele Interessierte nach Merseburg zieht. Schließlich hat sich die Galerie zwar seit 2006 auch überregional einen guten Namen gemacht; was ihre wirtschaftliche Situation angeht, muss aber noch immer eher von Sich-Schinden als Schwelgen gesprochen werden. Mit jeweils rund 10 000 Besuchern pro Jahr kann das Haus nicht in der Art eines Ikarus abheben. Da sich die Hoffnung auf dauerhafte Zuwendungen durch das Land nicht erfüllte, ist die Galerie neben den Kasseneinnahmen auf Sponsoren angewiesen. Die haben sich zwar in Gestalt regionaler Banken oder eines russischen Gaskonzerns gefunden, sagt Galerieleiter Dietmar Rother; auch die Stadt hat sich zuletzt an den Betriebskosten beteiligt.

Das Ringen um die Fortexistenz der Galerie, die ab Januar von einem Trägerverein und nicht mehr von der Willi-Sitte-Stiftung betrieben wird, gleicht indes den Mühen des Sisyphos. Und für werbeträchtige Expositionen fehlt eigentlich das Geld. Um die derzeitige Ausstellung mit ihren vielen Leihgaben und entsprechend hohen Transport- und Versicherungskosten bewerkstelligen zu können, musste, um im Bild zu bleiben, ein gewaltiger Stein den Berg hinaufgerollt werden. Bleibt zu hoffen, dass er niemandem auf die Füße fällt.

»Kassandra auf dem Forum. Mythos und Kunst«, bis 28. Februar, Willi-Sitte-Galerie Merseburg, Domstraße 15, Di-So 10-17 Uhr

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