Wellnessnacht statt Heilige Nacht

Eine Weihnachtsmarkt-Rheinfahrt als überraschende Alternative zum Weihnachtsrummel

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 5 Min.
Weihnachtliche Kinder- und Kapitänsaugen am und auf dem Rhein
Weihnachtliche Kinder- und Kapitänsaugen am und auf dem Rhein

Einer der kleinsten Weihnachtsmärkte entlang des Rheins war in diesem Dezember der mit den wohl längsten Schlangen. Er fand in einem alten Lagerschuppen im Kölner Westen statt. Karge Wände, kein Weihnachtsbaum, stattdessen Kunst. Junge Leute verkauften ihr selbst Gemaltes und Gedrucktes, Fotografiertes und Gezimmertes. Originelle, keineswegs billige Geschenke fürs Fest. »Entzückende Ideen, super Realisation«, meinten Svenja und Nicole, die eine halbe Stunde am Eingang angestanden hatten. »Andere Weihnachtsmärkte sind doch eher zum abgewöhnen«.

Dom zu Worms: Vor seiner Treppe kamen sich Brünhild und Kriemhild in die Haare.
Dom zu Worms: Vor seiner Treppe kamen sich Brünhild und Kriemhild in die Haare.

Ähnliche Alternativen zum Klassiker mit Tanne, Karussell sowie viel Fettem und Süßem gibt es wenig. Auch entlang des Rheins nicht. Aber die meisten mögen es ja ohnehin konservativ. Scheinbar auch die, die sich dieser Tage auf der schmucken »A-Rosa Aqua« (2009 in der Neptunwerft Warnemünde gebaut) zu einer mehrtägigen Themenflussfahrt »Weihnachtsmärkte zwischen Köln und Strasbourg« eingeschifft hatten. Doch weit gefehlt! Die Reisemotive kreisten, wie eine kleine Umfrage vor dem Ablegen zeigte, gar nicht so sehr um Brezel und Punsch. Sondern: »Hier ist viel Geschichte zu entdecken entlang des Rheins.« – »Im Sommer zu schippern, das macht doch jeder.« – »Mal ein paar Tage ganz entspannt weg aus dem heimischen Vorweihnachtstrubel.«

Wellnessnacht statt Heilige Nacht

Rheinaufwärts gab es nur einen Stopp in Mainz, dann ging's nächtens per Radar geleitet nonstop nach Strasbourg weiter. Europarat und EU-Parlament, Münster, Petite France und das deutsche Viertel, das so ganz wie das wilhelminische Berlin aussieht. Die meisten hatten das alles zwar schon irgendwann einmal durchbummelt. Doch dass die Strasbourger ihre Störche zu Dutzenden, etwa im Parc de l'Orangerie oder auch in vielen Nestern auf Platanen am Straßenrand, das ganze Jahr über in der Stadt behalten, kann man eben nur im Winter bestaunen.

Stadtführerin Antoinette Wenger hatte zu allem noch eine echte Weihnachtsbotschaft parat: »Es soll Frieden bleiben in Strasbourg und überall.« Seit 1870 mussten die Leute hier wegen der Kriege vier Mal offiziell ihre Sprache wechseln. »Mal wurde ihnen Französisch, mal Deutsch ausgetrieben und Elsässisch zumindest beargwöhnt. Gut, dass nun jeder reden kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und gut, dass es auch keine Grenze mehr rüber nach Kehl gibt.« Wohin über den Rhein auch ganz selbstverständlich die Stasbourger Straßenbahn fährt und der deutsche Weihnachtsmarktglühwein wie in Strasbourg drei Euro kostet.

Petyr Bojarow hält das für ziemlich teuer. Der aus Burgas stammende Bulgare plant seine Landgänge auch weniger nach Sehenswürdigkeiten und Vergnügungen als nach praktischen Gesichtspunkten. Schließlich kellnert und wohnt er auf der »A-Rosa Aqua«. Die hat eine 52-köpfige Multikultibesatzung, deren Bordsprache allerdings Deutsch ist. »Da hat mir der Abschluss des Goethe-Gymnasiums zu Hause sehr geholfen.« Arbeit und Verdienst an Bord gingen in Ordnung. Zu jeder Jahreszeit. Aber da seine Frau als Zimmermädchen mit im Team ist, sei für ihn ohnehin immer Weihnachten.

Vom Rheinhafen Mannheim, einer der Haltestellenauf der Rückfahrt, sind es per Bus nur 30 Minuten bis nach Heidelberg am Neckar. Auf dessen Weihnachtsmarkt ist »Adam Müllers Glühwein – the best in town«. Was durchaus auf den möglichen Besuch von 22 000 US-Bürgern abzielt; Heidelberg ist Europa-Hauptquartier der US-Landstreitkräfte. So war es übrigens schon vor Ende des Zweiten Weltkrieges geplant und bewahrte die Stadt deshalb vor Flächenbombardements. Kriegsirrsinn lässt sich indes gut am Heidelberger Schloss besichtigen. Seit dem Pfälzischen Erbfolgekrieg Ende des 17. Jahrhunderts ist es zum großen Teil nur noch Ruine. Die Zerstörung jüngerer Geschichtsschreibung ist in der Gedenkstätte für den aus Heidelberg stammenden SPD-Reichpräsidenten Friedrich Ebert zu spüren. Laut dortiger Ausstellung »Nein zu Hitler« hatte sich ab Mitte 1933 Antinazi-Widerstand lediglich in der SPD und den Gewerkschaften gerührt. Die Kommunisten waren bereits im KZ oder erschlagen.

Noch etwas weiter rheinabwärts schließlich Worms. Dort widerstand Luther 1521 vor dem Reichstag dem Widerruf mit den berühmten (so aber nicht belegten) Worten: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders.« 1000 Jahre zuvor ist die Stadt einer der sagenhaften Handlungsorte des Nibelungenliedes gewesen. Vor dem Nordportal von St. Peter sollen sich Königin Brünhild und Siegfried-Gattin Kriemhild um den Vortritt in die Haare gekommen sein. Die eine schimpfte die andere »Frau eines Dienstmanns«, die andere die eine »Hure eines Dienstmanns« – und schon begann das Blut in Strömen zu fließen. Eine Tafel an der Nikolauskapelle verweist übrigens darauf, dass sich von Worms Dank der Initiative der Kaisersgattin von Otto I. »die Verehrung des St. Nikolaus im ganzen Abendlande« ausbreitete. Mit aktuell immerhin zehn Weihnachtsmärkten bleibt die Stadt durchaus in dieser Tradition.

Am Abend der nächtlichen Rückreise nach Köln hatte Käpt'n Dick Hendriksen dienstfrei, stellte sich ans Keyboard und sang Weihnachtslieder. Allerdings nur zwei. Denn der Mann ist nicht nur passionierter Flussschiffer, sondern ein ebensolcher Jazzer. So lief er von »Georgia on My Mind« bis »My Way« zur Hochform auf. Seine satte Blues-Brother-Stimme lieh er allerdings auch Titeln seines Landsmanns Rudi Carell sowie Freddy Quinns. Die Passagiere waren schlicht aus dem Schiffshäuschen.

Vereinzelte Genussnimmersätter zog es anschließend noch in die feinen Sauna- und Massageräume von Attila Elekes und Gertraud Hauptmann im Vorschiff. So eine Wellnessnacht böte sich vielleicht als echte Alternative zur Heiligen Nacht an. Im Vergleich zur »A-Rosa Aqua« müsste man daheim allerdings auf jeden Fall auf eins verzichten: nächtens auf dem Vordeck im wohligen Wirlpool liegend an der schneeumwehten Loreley vorbeizuschippern.

  • Infos: A-ROSA Flussschiff GmbH, Am Strande 4, 18055 Rostock
  • Tel.: (0381) 440 40-0, Fax: -109, E-Mail: service@a-rosa.de, www.a-rosa.de
  • Literatur: Rhein-Main-Mosel Kreuzfahrten von Annette Lorenz und Siegfried Maier-Lutz, Trescher Verlag, Berlin, 2010, 372 S., 14,95 €.

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