Kleiner Text, großer Aufruhr

Das Manifest »Der kommende Aufstand« propagiert die Revolte. Wer sind ihre Verfasser? Was sind ihre Quellen?

  • Von Gerhard Hanloser
  • Lesedauer: 7 Min.
Sich dem Terror der Sichtbarkeit zu entziehen, ist Teil der Strategie der Autoren.
Sich dem Terror der Sichtbarkeit zu entziehen, ist Teil der Strategie der Autoren.

Ein kleiner Text sorgt für große Aufregung. Ein »Unsichtbares Komitee« hat 2007 eine poetisch-radikale Flugschrift namens »Der kommende Aufstand« (»L'insurrection qui vient«) herausgebracht, die jüngst auf Deutsch beim Verlag Edition Nautilus erschien, aber auch frei im Internet verfügbar ist. Der Text ist mehr als Diskurs, auf jeden Fall wird er als etwas Anderes, Größeres, Gefährlicheres denn als bloßer Text rezipiert – was nicht zuletzt die Verfasser freuen und bestätigen dürfte: Diskursive und praktische Unsicherheitszonen sind es, die sie produzieren wollen. Sie sehen die Schrift als Teil einer gegen die bestehenden Ordnung gerichteten Praxis. Deshalb auch die Anonymität der Verfasser. In Zeiten von Google Street View, Vorratsdatenspeicherung, digitalen Fingerabdrücken, einem Meer von Überwachungskameras will sich das »Unsichtbare Komitee« dem neuen Terror der Sichtbarkeit entziehen. Ob mit Erfolg, das weiß man nicht.

Kleiner Text, großer Aufruhr

In Frankreich nahm die Polizei Ende 2008 acht Personen fest, beschuldigte sie, Verfasser der Broschüre zu sein, für Anschläge auf TGV-Oberleitungen verantwortlich zu zeichnen und in einer »anarcho-autonomen Kommune« zu leben. Als Kopf hinter dem Ganzen wurde Julian Coupat, Schüler und Freund des Philosophen Giorgio Agamben, ausgemacht, der prompt hochkarätige Unterstützung durch offene Briefe und Solidaritätserklärungen erfuhr. Coupat und die anderen Beschuldigten mussten schließlich freigelassen werden. Ein weiterer großer medialer Aufschrei erfolgte durch Glenn Beck, Moderator des US-amerikanischen Fernsehsenders FOX, der zwar zugestand, das Büchlein gar nicht gelesen zu haben, aber dennoch, Bilder der griechischen Revolte im Dezember 2008 und andere Straßenkampf-Szenen beschwörend, vor einem neuen linken Radikalismus warnte.

Die apokalyptische Predigt des »kommenden Aufstands«, die das Leben im Kapitalismus als Hölle schildert und den eigenen Revolt-Weg als einzigen Weg aus dem Jammertal vorschlägt, trug also Früchte und provozierte die Gegenpredigt derjenigen, die das Bestehende zementieren wollen und dafür die Hölle der kommunistischen Aufsässigkeit in blutigen Bilder vorführen müssen.

»L'insurrection qui vient« bezieht sich positiv auf die Revolte in den französischen Vorstädten und griechischen Universitätsvierteln und will ein Aufstandsprogramm zur Zertrümmerung des globalen Kapitalismus liefern. Die Verfasser machen sich keine Gedanken über linke Bündnispolitik, über Rahmen- und Richtungsforderungen, über Wahlempfehlungen und ähnlich brave Beschäftigungen. Es geht ihnen um die revolutionäre Tat: Man will nicht mehr warten, sondern zuschlagen. Jenseits der bestehenden Organisationen, Parteien und linken Milieus soll man in Freundschaft verbundene Kommunen aufbauen, die sich so organisieren, dass man der Arbeit entfliehen und sich auf ein widerständiges Leben konzentrieren kann. Gegen die Entfremdung und die Zumutungen der Lohnarbeit soll der Mensch in der Revolte sich allumfassend bilden und befähigen. Diese lokalen Kommunen organisieren dann den Aufstand gegen die Warengesellschaft und schaffen befreite Zonen: »Es geht darum, kämpfen zu können, Schlösser zu knacken, Knochenbrüche ebenso zu heilen wie eine Angina, einen Piratensender zu bauen, Volksküchen einzurichten, genau zu zielen, aber auch darum, zerstreutes Wissen zu sammeln und eine Landwirtschaft des Krieges zu schaffen, die Biologie des Planktons und die Zusammensetzung des Bodens zu verstehen, das Zusammenwirken der Pflanzen zu studieren...«.

Im verschlafenen Deutschland kam die in den Feuilletons ausgetragene Debatte um »Der unsichtbare Aufstand« erst während der letzten Wochen so richtig in Fahrt. Doch mit welch hanebüchener Unwissenheit! Die einen bemühen den Skandalschriftsteller Michel Houellebecq, um den Text inhaltlich einordnen zu können. Das einzig Verbindende zwischen ihm und dem »Komitee« dürfte – abgesehen von der Herkunft aus Frankreich – eine pessimistische Zeichnung der Sexualität sein, die als Teil der vom Kapitalismus allumfassend zerstörten Zwischenmenschlichkeit dargestellt wird. Andere fühlen sich an Ernst Jüngers »Waldgänger« erinnert, obwohl dieser in seiner Fünfziger-Jahre-Schrift »Der Waldgang« deutsches Volk, Theologie, Wahrung des Eigentums über alles stellt; Kategorien, die dem anarchistischen »Komitee« offenkundig reichlich fremd sind.

Der Traditionsbestand, aus dem das »Unsichtbare Komitee« schöpft, ist eindeutig. Ein Strang ist die alt-anarchistische Idee der moralisch gerechtfertigten Aneignung in einer unterdrückerischen und herrschaftlich eingerichteten Gesellschaft, ein weiterer die radikale Negation der bestehenden Zivilisation, wie man sie bei den Surrealisten um André Breton findet. Das Ganze mischt sich mit der polemischen Abgrenzung von der traditionellen, verbürgerlichten Alt-Linken, wie sie bereits die Situationisten um Guy Debord in den sechziger Jahren genüsslich zelebrierten.

Wenig Kenntnis von der Geschichte des französischen Spät-Situationismus beweisen Rezensenten, die sich angesichts der tiefen Zivilisationsskepsis und Abrechnung mit der kapitalistischen Moderne lediglich an Martin Heidegger erinnert fühlen, um sogleich »Nazi!« schreien zu können. Radikale, aus dem undogmatischen Marxismus kommende Essayisten wie Guy Debord oder der im August 2010 verstorbene Jaime Semprun haben sich in den achtziger Jahren von der Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt verabschiedet und setzten auf radikale Minderheiten, die das Bestehende in Frage stellen können. Sie brachen angesichts einer apokalyptisch sich zuspitzenden Umweltfrage mit dem Fortschrittsoptimismus des Marxismus, der sich stets auf eine Dialektik der Produktivkraftentfaltung bezog, und verwarfen die herrschende Zivilisation mit ihrem technologischen Potenzial in toto.

Wer meint, Technikkritik könne nur politisch rechts sein, der sollte zur Kenntnis nehmen, dass es auf der Linken immer eine solche radikale Unterströmung gab – von dem romantischen Anarchisten Gustav Landauer bis zur Kritischen Theorie des Weltbürgers Walter Benjamin, von dem das »Komitee« auch die Einsicht übernommen hat, dass die Katastrophe nicht das ist, was kommt, sondern bereits eingetreten ist. Und wer allen ernstes das »Komitee« wegen dessen Technikkritik der Konservativen Revolution zuschlagen will, sollte Ernst Jüngers protofaschistisches Manifest »Der Arbeiter« von 1932 zur Hand nehmen, in dem die Technik mitsamt ihres Zerstörungspotentials gefeiert wird wie in keiner anderen Schrift des 20. Jahrhunderts, jene des italienischen Futurismus an der Schwelle zum Faschismus vielleicht ausgenommen.

Doch es ist mehr als nur Unwissenheit, wenn in nominell linken Publikationen wie »taz« und »Jungle World« die Schrift in die braune Ecke gestellt und dabei schlicht mit unbegründeten Behauptungen operiert wird. Das »Unsichtbare Komitee« beziehe sich auf den nationalsozialistischen Staatsrechtler Carl Schmitt und den zumindest anfangs von Hitler begeisterten Philosophen Martin Heidegger; einen Beleg dafür sucht man vergebens. Entgegen der Feuilletonkultur in »FAZ«, »SZ« und »Die Zeit« zeigt sich im poplinken und im dem grünen Mittelschichts-Milieu verbundenen Feuilleton eine inhaltlich entgrenzte Kultur des Vorwurfs und der Unterstellung, in der es nur noch darum geht, auf der Seite der Ordnung zu stehen. Die Revolte war offensichtlich biografisch mal zu nah an der eigenen Lebenswelt angesiedelt, als dass man sie sich jetzt anders als mit schweren pseudo-antifaschistischen Geschützen vom Leib halten kann. Der »taz«- und »Jungle World«-Rezensent Johannes Thumfart kommt zu dem wenig erstaunlichen Ergebnis, es handele sich um ein »antidemokratisches Pamphlet«, das gegen »Demokratie und Rechtsstaat wettert«. Ja, richtig, doch um diese Stoßrichtung mehr moralisch als argumentativ zu diskreditieren, braucht er schon den Passepartout-Begriff »Ressentiment« und die ohne viel Federlesens vorgenommenen Nazi-Vergleiche, die der Logik des Extremismusbegriffs auf eine Weise folgen, dass es Leuten wie der Familienministerin Kristina Schröder und dem Extremismusforscher Eckhard Jesse eine wahre Freude sein dürfte. Hier geriert sich der Feuilletonist als Staatsschützer und das, wo man doch immer dachte, dass zumindest auf den Kulturseiten der eine oder andere Staatsferne mal schreiben darf.

Wird »Der kommende Aufstand« in den hiesigen Milieus des Linksradikalismus aufgegriffen, in der Hoffnung, dass diese mal ordentlich durcheinandergewirbelt werden und eine Poesie der Widerständigkeit entwickeln? Ein guter Bekannter, der es wissen sollte, meinte, Leute wie die Verfasser der Flugschrift würden höchstwahrscheinlich wegen »dominanten Redeverhaltens« aus den einschlägigen Lokalitäten verbannt werden.


Aus der Flugschrift

»Sichtbar zu sein, bedeutet, ohne Deckung zu sein, das heißt vor allem, verwundbar. Wenn die Linksradikalen aller Länder ihre Sache ständig ›sichtbar machen‹ – sei es die der Wohnungslosen, die der Frauen, die der Illegalen –, in der Hoffnung, dass sie übernommen wird, dann machen sie das genaue Gegenteil dessen, was sie machen müssten. Nicht sich sichtbar machen, sondern die Anonymität, in die wir verbannt wurden, zu unseren Gunsten wenden und durch die Verschwörung, durch die nächtliche oder maskierte Aktion aus ihr eine unangreifbare Angriffsposition machen. Der Brand vom November 2005 ist ihr Modell. Kein Anführer, keine Forderung, keine Organisation, aber Worte, Gesten, Komplizenschaften. Gesellschaftlich nichts zu sein, ist keine erniedrigende Situation, Quelle eines tragischen Mangels an Anerkennung – anerkannt sein: won wem? –, sondern im Gegenteil die Bedingung für maximale Aktionsfreiheit. Seine Missetaten nicht zu unterzeichnen, nur Fantasie-Kürzel zu benutzen, ist eine Art, diese Freiheit zu wahren ...«

Zitiert nach der Übersetzung von Elmar Schmeda;
Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand. Edition Nautilus, 128 S., brosch., 9,90 €.

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