Entschädigung einfacher

Fahrgastrechte bei Bahn-Verspätungen werden etwas gestärkt

Mit dem Fahrplanwechsel am Sonntag ändert sich auch das Procedere bei Entschädigungen im Falle von Zugverspätungen. Zwar werden letztere nicht weniger werden – aber Kunden kommen leichter an ihr Geld.

Wenn der Zug mehr als eine Stunde verspätet ist, gibt es ein Viertel des Fahrpreises zurück. Von zwei Stunden an sind es sogar 50 Prozent. So ist es verbindlich geregelt. Allerdings musste der Reisende bislang erst einige hohe Hürden überspringen, bis die Deutsche Bahn (DB) zahlte. Vor allem das mehr als einen Meter lange Formular mit 48 Fragen war vielen ein Gräuel. Wie viele mögen sich die halbe Stunde »Wissenstest« geschenkt und auf ein paar Euro verzichtet haben? Zurück blieb Groll gegen die bürokratische Bahn.

Das soll vom 12. Dezember an anders werden. Die Eisenbahn wird kundenfreundlicher, beteuern Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn, und Hans Leister, Geschäftsführer des privaten Konkurrenten Keolis Deutschland. Das Formular umfasst künftig ein DIN-A4-Blatt. Gefragt wird viel weniger zum geplanten und tatsächlichen Reiseverlauf sowie zu persönlichen Daten. Die Verspätung wird zudem innerhalb von fünf Tagen vom Zugbegleiter bestätigt. Wer das Formular mit der Verspätungsbescheinigung und der Fahrkarte einem Reisezentrum, einer Agentur der Deutschen Bahn oder einer Verkaufsstelle der Tarifgemeinschaft der Privatbahnen vorlegt, erhält den Entschädigungsbetrag sofort, ohne dass er seine persönlichen Daten offenbaren muss.

DB-Vorstand Homburg ist erfreut, dass es gelang, 42 nichtbundeseigene Eisenbahnen ins Boot zu holen. Eine solche Zusammenarbeit war bisher nicht selbstverständlich, genauso wenig dass die Deutsche Bahn Vorschläge der Fahrgastverbände ernstnahm. Nach Angaben von Keolis-Chef Leister muss sich der Reisende nicht mehr darum kümmern, welche Bahnen beteiligt waren und wie diese mit den Ansprüchen untereinander umgehen.

Ein weiteres Problem entfällt, wie das folgendes Beispiel erläutert: Zwischen Northeim und Hannover verspätet sich der Zug der Bahngesellschaft Metronom um zehn Minuten. Dadurch verpasst der Reisende den Anschluss an den pünktlichen ICE nach Berlin. Der nächste ICE kommt mit 20 Minuten Verspätung in Berlin an; der Reisende ist insgesamt 80 Minuten zu spät. Bisher gab es dafür keinen Euro, denn beide Bahnen konnten erklären, die Kriterien für die Entschädigung – mehr als 60 Minuten – seien für sie nicht erfüllt. Künftig werden die vollen 80 Minuten berücksichtigt.

Laut DB-Vorstand Homburg gingen in den letzten zwölf Monaten 1,01 Millionen Anträge auf Entschädigung ein, davon seien 87 Prozent begründet gewesen. Innerhalb von 18 Tagen wurde entschieden und gezahlt. Wer mit der Ablehnung durch das Servicecenter Fahrgastrechte nicht einverstanden ist, kann sich weiterhin an die unabhängige Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personennahverkehr in Berlin wenden. Deren Leiter Edgar Isermann sagt: »Jährlich 2000 Fälle betreffen die Bahn, das Gros wegen der Verspätungen.« 90 Prozent wurden einvernehmlich entschieden, aber nicht unbedingt, wie es sich der Bahnkunde vorgestellt hatte. Mancher, mürbe geworden, verzichtete auf weiteren Streit mit der Bahn oder gab sich mit einem Gutschein für den Speisewagen zufrieden.


Zahlen & Fakten - Änderungen bei der Deutschen Bahn mit dem Fahrplanwechsel:

Ticketpreise: Normale Fahrkarten und Zeitkarten im Regionalverkehr außerhalb der Verkehrsverbünde werden im Schnitt 1,9 Prozent teurer. Das Schöne-Wochenende-Ticket für gemeinsame Nahverkehrsfahrten von bis zu fünf Reisenden an Samstagen oder Sonntagen wird zwei Euro teurer. Die Preise der Ländertickets steigen um einen Euro. Im Fernverkehr – bei ICE, Intercity und Eurocity – bleiben die Preise erstmals seit 2002 stabil.

Quer-durchs-Land-Ticket: Damit können bis zu fünf Reisende einen Tag bundesweit Regionalzüge nutzen. Es kostet 42 Euro für die erste Person und je sechs Euro für bis zu vier weitere. Kinder oder Enkel bis 14 Jahre können gratis mitreisen.

Kürzungen: Die Bahn dünnt ihre Intercity-Verbindungen weiter aus, etwa auf den Strecken Berlin-Stralsund und Ruhrgebiet-Kassel-Erfurt. Wegen fehlender Fahrzeugreserven bei ICE werden über den Winter einige Entlastungszüge am Wochenende gestrichen, andere fahren mit halber Wagenzahl. Und auf der Linie Bremen-Hannover-München werden fünf Direkt- zu Umsteigeverbindungen. ND/dpa

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