»Schlammfabriken« im Regierungsdienst

Silvio Berlusconi besitzt oder kontrolliert einen Großteil der Medien. Er hat zahlreiche Fernsehsender, Zeitungen und Zeitschriften zu seiner Verfügung. Einige geben sich zumindest einen demokratisch-journalistischen Anstrich; andere kann man nur als Hetzblätter bezeichnen.

Am 4. Dezember veröffentlichte die Zeitung »Libero« auf ihrer Titelseite die Bilder und Mailadressen jener Parlamentarier, die die Berlusconi-Partei verlassen und mit Kammerpräsident Gianfranco Fini die Gruppe »Futuro e Libertà« (Zukunft und Freiheit) gebildet haben. Die Überschrift lautete »Verräter!« und die Leser wurden aufgefordert, ihnen doch mal deutlich die Meinung zu geigen.

Im vergangenen Jahr hatte die Zeitung »Il Giornale« eine Reihe von Berichten veröffentlicht, in denen der Chefredakteur des katholischen Blattes »Avvenire«, Dino Boffo, beschuldigt wurde, junge Männer belästigt zu haben. Dies stellte sich später als frei erfunden heraus. Boffo, der in einigen Leitartikeln Berlusconis Politik kritisiert hatte, war der Schlammschlacht aber nicht gewachsen und reichte seinen Rücktritt ein.

Ebenfalls »Il Giornale« veröffentlichte nach Finis »Verrat« über Tage immer neue Dokumente, mit denen der Kammerpräsident, seine Lebensgefährtin und ihr Bruder krummer Immobiliengeschäfte beschuldigt wurden. Auch in diesem Fall waren die »Enthüllungen« nichts anderes als böse Fantasie.

Emilio Fede, der die Tagesschau im Berlusconi-Sender Rete4 leitet, verzieht in seinen Sendungen jedes Mal angeekelt das Gesicht, wenn er von Oppositionspolitikern spricht, und wirft ihnen Neid, Missgunst oder gar kriminelle Energie vor.

Roberto Saviano, Autor des Bestsellers »Gomorrha«, hat diese Art des Vorgehens als »Schlammfabrik« bezeichnet, in der jeder, der nicht mit der Regierungsmehrheit konform geht, persönlich und möglichst unter der Gürtellinie angegriffen wird. Berlusconi hat viele Hassprediger auf seiner Gehaltsliste. Journalisten, aber auch Parlamentarier und Fernsehmoderatoren. Sie bewerfen den »Feind« mit Dreck. Jede Kritik an Berlusconi wird mit einer Hasstirade gekontert, die dann über die Medien des Ministerpräsidenten unendlich viele Male veröffentlicht und verstärkt wird. Und selbst die seriöse Presse kann sich dem nicht entziehen, da sie sich mit diesen »Skandalen« auseinandersetzen muss.

Anna Maldini

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