Sterbehilfe in der Klinik

Vorhaben in den Niederlanden sorgt für Kritik – vor allem im Ausland

Die niederländische »Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende« plant die Einrichtung einer Sterbehilfeklinik. Doch dagegen regt sich Protest.

Die Telefone klingeln bereits regelmäßig bei der »Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende« – kurz NVVE. Es sind todkranke Patienten, die sich auf eine Warteliste setzen lassen möchten, um in der europaweit ersten Sterbehilfeklinik einen Platz zu bekommen. Nach den Plänen der NVVE wird die Klinik im Jahr 2012 ihre Pforten öffnen. Sie soll es den Patienten ermöglichen, mit ärztlicher Hilfe innerhalb von drei Tagen würdig aus dem Leben zu scheiden. Geplant ist zunächst eine Kapazität von acht Betten. Noch ist unklar, wo genau die Klinik entstehen soll. Angeblich liegt der Vereinigung ein Angebot eines leer stehenden Luxushotels vor.

Der Bedarf für eine solche Klinik ist nach der Einschätzung der Vereinigung sehr hoch: »In den Niederlanden gibt es ungefähr 3500 Patienten jährlich, die die Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchten, aber keinen geeigneten Arzt finden, der ihnen hilft«, erklärt NVVE-Direktorin Petra de Jong gegenüber ND. »Wir gehen davon aus, dass etwa 1000 von diesen Patienten ein Interesse an solch einer Klinik haben.« Patienten aus dem Ausland sollen aber nicht aufgenommen werden. Man befürchtet einen Sterbehilfetourismus ähnlich wie in die Schweiz.

In Deutschland bislang undenkbar, verstößt die NVVE mit ihrem Angebot in den Niederlanden gegen keine gesetzlichen Vorgaben. Seit der Lockerung des Paragrafen im Jahre 2002 ist die Sterbehilfe in den Niederlanden in engen Grenzen erlaubt. Den Todeswunsch eines Patienten muss zunächst ein Arzt in intensiven Gesprächen prüfen. Erst wenn es keine Alternativen zur Sterbehilfe gibt, soll dem Ansinnen zugestimmt werden. In der Praxis entpuppte sich die Regelung zum Teil als zu undeutlich. In einer Untersuchung der Regierung wurde auch unangemessene oder vorschnelle Sterbehilfe offenbar.

Das ficht die Pläne der NVVE aber nicht an. »Wir halten uns genau an die gesetzlichen Vorgaben. Der Vorteil der Klinik wird eindeutig die größere Erfahrung im Umgang mit sterbewilligen Patienten sein, während Hausärzte oftmals nur einen Fall in zwei oder drei Jahren haben«, erläutert de Jong. Sie erhält sogar Rückendeckung von oberster Stelle. Gesundheitsministerin Edith Schippers hat bereits schriftlich ihre Zustimmung zu der geplanten Klinik erteilt. Die größten Brocken scheinen somit aus dem Weg geräumt.

Indes häufen sich die Proteste. Obwohl nach Angaben von de Jong in den Niederlanden rund 90 Prozent der Bevölkerung für Sterbehilfe sind, erwartet sie Proteste vor allem von religiösen Gruppen. Kritik kommt jedoch auch von anderer Seite. Die niederländische Ärztevereinigung KNMG hat die Pläne scharf kritisiert. Die NVVE setze einseitig auf die Lösung »Tod«, sie beschäftige sich nicht mit den Alternativen und verführe somit zum Scheiden aus dem Leben. Der Verband vermutet, dass sich für eine solche Einrichtung nicht genügend Ärzte finden lassen.

Auch im Ausland regt sich Widerstand, u.a. von der Deutschen Hospiz-Stiftung. Eugen Brysch, Vorstand der Patientenschutzorganisation, äußerte sich gegenüber Journalisten unmissverständlich: »Schwerstkranke brauchen kein Tötungsangebot, sie brauchen psychische, pflegerische und medizinische Hilfe.«

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