Rohstofftitan aus der schweizerischen Provinz

Glencore plant gewinnträchtigen Börsengang und wird wegen Steuerbetrugs in armen Ländern angeklagt

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Börsen in London und Hongkong erwarten eine der größten Notierungen in diesem Jahr.

Der weltweit führende Rohstoffhändler Glencore plant, mit seinem Börsengang bis zu zwölf Milliarden Dollar einzunehmen, über acht Milliarden Euro. Das Unternehmen, das mit 145 Milliarden Dollar einen höheren Jahresumsatz als der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé hat, will weiter wachsen. Die Zeichen stehen auf Konsolidierung, auf den Zusammenschluss zu immer größeren Konzernen. Dafür will Glencore seine Kriegskasse füllen.

Bislang galt das Privatunternehmen aus dem kleinen, steuerbegünstigten Kanton Zug als legendenumwittert. Dabei ist Glencore weltweit führend im Handel mit Öl, Kupfer, Aluminium, landwirtschaftlichen Produkten und besitzt Raffinerien und Minen. Mehr als 50 000 Beschäftigte arbeiten in 40 Ländern.

Die Firma war 1993 von dem später durch den US-Präsidenten Clinton begnadigten Steuersünder Marc Rich für 0,6 Milliarden Dollar verkauft worden. Heute hat sich ihr Wert auf etwa 70 Milliarden vervielfacht. Bislang ist das Unternehmen als »Partnerschaft« organisiert, es gehört hauptsächlich 500 führenden Mitarbeitern, und gilt selbst unter Rohstoffmultis als besonders verschwiegen. Mit dieser jahrzehntelangen Verschweigensstrategie ist es durch den Börsengang vorbei. Anleger und Analysten erwarten zumindest ein Minimum an Transparenz. Ob das allerdings ausreicht, um die Geschäftspolitik ethisch aufzupeppen, bezweifeln Kritiker.

Der Zeitpunkt für einen Börsengang ist günstig gewählt. Viele Rohstoffpreise sind auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren gestiegen. Rohstoffe gelten an den Märkten wieder als das, was sie eigentlich schon immer waren – endlich und knapp. Nicht allein bei Öl und Gas, auch bei Industrierohstoffen wie Erz, Kupfer und Tantal zeichnet sich eine zunehmende Knappheit an den Märkten ab. Die Folge ist ein Trend zu steigenden Preisen. So tragen die reinen Materialkosten die Hälfte zum Preis eines Autos bei.

Das Unternehmen gehört zu einer Branche, in der unmenschliche Arbeitsbedingungen, Raubbau an der Umwelt, Korruption und die Ausnutzung von Entwicklungsländern üblich sind. Auch Glencore stand wiederholt am Pranger. So wurde die Firma 2008 als eine der am rücksichtslosesten geführten Betriebe der Welt mit dem »Public Eye Awards« beschämt, und kürzlich wurde das Unternehmen laut dem schweizerischen Wirtschaftsblatt »Cash« wegen Verletzung der Menschenrechte in Kongo angeklagt.

Für den im Mai geplanten Börsengang könnte eine neue Aktion der Erklärung von Bern (EvB) weit teurer kommen. Die renommierte entwicklungspolitische Organisation wirft gemeinsam mit Partnern in Sambia, Frankreich und Kanada dem Rohstoffriesen illegale Steuerpraktiken vor. Klage bei der OECD wurde erhoben. Ausgerechnet Sambia, eines der ärmsten Länder der Welt, bringe Glencore »durch zynische Buchführungstricks um die Früchte des Kupferbooms«, klagt EvB an.

So sollen Buchprüfer von Grant Thornton und Econ Pöyry für Ausgaben von 380 Millionen Dollar keinerlei plausible Erklärung gefunden haben. Überhöhte verbuchte Kosten drücken aber die Steuerlast. Die Prüfer waren von den sambischen Steuerbehörden beauftragt worden. Glencore verteidigt seine Bilanzen, sie würden von engagierten Wirtschaftsprüfern jährlich getestet. Die Vergangenheit hat allerdings erhebliche Zweifel an der Aussagekraft solcher Testate aufkommen lassen. Ohnehin sind Wirtschaftsprüfer keine Steuerfahnder.

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