Boxen war die einzige Alternative

Heute startet der Dokumentarfilm über die Profiboxer Vitali und Wladimir Klitschko

Sie sind die Aushängeschilder der Ukraine: Die Boxer Vitali (39) und Wladimir Klitschko (35) wechselten nach kurzen Karrieren als Amateurboxer ins Profilager. Vitali gewann 42 von 44 Kämpfen, Wladimir 55 von 58. Beide wurden durchs Boxen reich und berühmt. Ab heute läuft im Kino der Dokumentarfilm »Klitschko«, in dem Regisseur Sebastian Dehnhardt die Lebensgeschichte der Brüder erzählt. ND traf die Boxer zum Gespräch.

War der Film die logische Folge Ihrer Biografie »Unter Brüdern«?
WLADIMIR: Wir mussten nur einen guten Regisseur finden und Sebastian Dehnhardt war der Beste. Er hat eine Menge Material aufgetrieben, darunter ein Video von uns, als wir noch keine 20 waren. Er hat uns auch gefordert: Normalerweise versucht man sein Privatleben zu schützen – das ging hier nicht.

Ihre Mutter tritt das erste Mal vor die Kamera Mit welchen Argumenten haben Sie sie überredet?
VITALI: Ich hätte das nicht geschafft. Der kleine Bruder muss wohl ein Geheimmittel besitzen.

WLADIMIR: Der kleine Bruder hat es immer leichter. Das war schon in der Kindheit so.

Sie schwärmten als Teenager für Chuck Norris und Arnold Schwarzenegger. Wieso sind Sie dann zum Boxen gegangen?
VITALI: Das war Zufall – oder Schicksal. Unser Vater war in den 80ern in einer kleinen kirgisischen Stadt mitten in der Wüste stationiert, in der nur einige fünfstöckige Häuser neben einem Flugplatz standen. Wir waren ungefähr 200 Kinder und hatten nicht viele Möglichkeiten, unsere Freizeit zu gestalten. Wir hatten da saugefährliche Spielplätze. Die Schilder »Betreten verboten!« verlockten zu abenteuerlichen Expeditionen. Die einzige Alternative war die Boxsektion, in der meine ganze Klasse trainierte. Alle wollten wie Muhammad Ali werden. Später habe ich meinen Bruder mitgenommen. Der Trainer hatte ein gutes Auge und hat ihn sofort genommen.

WLADIMIR: Ich wurde vor allem Boxer, weil ich ins Ausland wollte. Ich hatte »Robinson Crusoe« gelesen, im Fernsehen die Berichte über fremde Länder und ihre Bewohner gesehen. Ich wollte unbedingt in die Ferne reisen – und ans Meer. Das ging in der Sowjetunion nur als Politiker oder als Sportler.

Als 1986 das Kernkraftwerk in Tschernobyl explodierte, war Ihr Vater in Kiew stationiert. Wie haben Sie diese Tage erlebt?
VITALI: Unser Vater kam nach Hause und erzählte uns das Geheimnis, dass ein Unglück passiert war. Wir begriffen nicht, was wirklich los war. Wir mussten zu Hause bleiben und durften nicht ins Freie. Wochenlang gab es keine Informationen. Zum Glück für uns in Kiew wehte der Wind in Nordrichtung. Trotzdem wurden wir beide in den Süden der Ukraine ins Ferienlager geschickt. Erst Jahre später erfuhren wir, wie gefährlich die Lage war, und dass unser Vater dort eingesetzt war. Er leidet noch heute an den Spätfolgen. Wir haben für ihn einen hervorragenden deutschen Arzt gefunden, der sein Krebsleiden eindämmen konnte, so dass es ihm jetzt besser geht.

WLADIMIR: Tschernobyl ist heute eine Geisterstadt. Die Menschen plünderten damals, haben unter anderem Teppiche oder Schmuck gestohlen und verkauft. Wenn da jemand zum Beispiel einen Ring kaufte und ihn trug, wusste er oft gar nicht, wie sehr das kleine Ding strahlte und die Gesundheit des Trägers beeinflusste.

Was haben Sie vom Leistungsport für Ihr Leben mitnehmen können?
WLADIMIR: Eine unglaubliche Ausbildung. Wir hatten die Möglichkeit, viel zu reisen, viel zu sehen, unterschiedliche Gesellschaftsformen kennenzulernen und große Persönlichkeiten aus Politik, Philosophie, Wirtschaft, Kunst oder Schauspiel zu treffen. Wir haben mehrere Sprachen gelernt. Man lernt beim Sport, mit Konkurrenz umzugehen. Es gilt, sichdurchzuboxen, der Beste zu sein.

Sie wirken immer sehr ruhig. Was aber regt Sie auf?
VITALI: Wenn mir oder meinem Bruder jemand ins Gesicht lügt. Zynismus. Besonders in der Politik, denn dort gelten andere »Werte«. Grundsätzlich habe ich es immer geschafft, meine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Nur einmal, als ich im Stadtparlament von Kiew bedrängt und attackiert wurde, habe ich gedroht.

Bleiben Sie in der Politik? Oder zieht es Sie ins Showgeschäft?
WLADIMIR: Momentan spiele ich die Rolle des Weltmeisters. Das nimmt die ganze Zeit in Anspruch. Natürlich weiß ich, dass ich den Sport nicht ewig betreiben kann. Aber definitiv werde ich nicht in die Politik gehen. Ein Politiker in der Familie reicht.

VITALI: Die Lehrstunden in der Politik sind hart, man kennt die Regeln noch nicht und kommt oft mit einer »blutigen Nase« nach Hause. Die ukrainische Politik ist für Europäer schwer zu begreifen. Seit 20 Jahren versucht man, eine Demokratie aufzubauen, aber dort herrschen andere Gesetze – mit sehr vielen Tiefschlägen. Das ist Freistil, ein Kampf ohne Regeln. Beim Boxen kann ich mir eine Art Cowboystil erlauben und provozieren, weil ich genau weiß, was der Gegner macht. In der Politik bin ich hingegen Anfänger. Ich habe aber ein großes Ziel: Die Ukraine gehört, wenngleich Politik und Lebensstandard noch weit vom übrigen Europa entfernt sind, für mich nicht nur geografisch zu diesem Kontinent. Dafür will ich mich mit aller Leidenschaft einsetzen.

Gespräch: Katharina Dockhorn

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