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Luftländer mit wunderbaren Trapezen

Gedichte zum Sommeranfang: Süßes und seliges Verstecken, eine Stunde Leben im Café sowie leises Lauf in den Büschen

Aufgespart: der schöne blaue Himmel

Der Sommer ist die einzige Jahreszeit, in der wir nicht an Übergang denken. Er entfacht Erfüllungsfantasien. Das Licht, das sich allem einbrennt, wird als Labsal gefeiert. Sommer ist Urlaub, und in der Sehnsucht nach dieser Aus-Zeit offenbart sich auch ein kleines Elend unseres Jahreskreises: Wir teilen ihn falsch ein. Wir richten alle Aushaltenskraft auf jene wenigen Sommerwochen, in denen von uns abfallen möge, was ansonsten Plage ist.

Mehr und mehr Menschen in Deutschland leiden unter dem, was die Sprachregelung den Broterwerb nennt. Man steht voll im Job, aber neben sich. Man sitzt etwas ab, um gut dazustehen. Man trennt das Leben von der Arbeit, und immer ist das Leben der aufgeschobene Teil. Man verschlampt sein Innenleben und arbeitet womöglich aus Angst vor seiner Seele. Man spart sich auf für den wolkenlosen Himmel, unter dem man dann schwitzend, auch vor sich selber, die Augen schließen darf.

Einst gab es das Wort von der Sommerfrische, und es wehte den Reisenden ein heiteres Lüftchen aus diesem Wort an. Die Wochen entwickelten eine Leichtigkeit, aus der man Melancholie erntete, denn bekanntlich tanzte sie nur einen Sommer. Schön, manchmal schön traurig. Eine Schwalbe machte noch keinen Sommer, aber man sah ihren Flügen beglückt zu und hatte auch im besten Sonnenschein nicht den Sinn fürs Relative verloren. Im heutigen Sommer aber entwickelt der moderne Mensch, ob des vielen Verzichts, dem er drei Jahreszeiten lang ausgesetzt ist, eine böse Zentralkraft des egoistischen Wünschens.

Daraus entsteht ein absurdes, rücksichtsloses, ein naturfeindliches Anspruchsdenken, das von Prospektliteratur genährt wird und dessen faule Zauberformel lautet: all inclusive. Die Sphäre bitte wolkenlos, die Strahlung gefälligst gleichmäßig bräunend, das Meer, wie vom Reisebüro versprochen, geduldig still und warm. Wind und Wolken und Regen werden verpönt; wo die Natur sich das Recht zu regnen nimmt, wächst im töpfischen Gemüt der Regressgedanke – mögen sich Landschaften und Landwirtschaften ihr Wasser woanders holen, nur bitte nicht im bezahlten Reservat des Urlaubers. Der sich schließlich, den günstigen Pauschalvertrag in der Tasche, von seiner Entfremdung erholt.

Ein genialer Lügner, wer von sich sagt, es gelänge.
Hans-Dieter Schütt

Detlev v. Liliencron: Einen Sommer lang

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang,
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Wenn wir uns von ferne sehen
Zögert sie den Schritt,
Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
Nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Ähren sich das Mieder
Unschuldig geschmückt,
Sich den Hut verlegen nieder
In die Stirn gedrückt.

Finster kommt sie langsam näher,
Färbt sich rot wie Mohn,
Doch ich bin ein feiner Späher,
kenn die Schelmin schon.

Noch ein Blick in Weg und Weite,
Ruhig liegt die Welt,
Und es hat an ihre Seite
Mich der Sturm gestellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang,
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Georg Trakl: Sommer

Am Abend schweigt die Klage
Des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
Der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
Rauscht Dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
Im dunklen Zimmer;
Eine silberne Hand
Löschte sie aus;
Windstille, sternlose Nacht.

Axel Schulze: Warten

Zu trockenem Stein wird die Krume,
grauer Regen fleckt sie im Sommer.
Auf braunem Sand wachsen einsame Disteln.
Der Rauch aus den Städten senkt sich
zwischen das Gras.

In den heißen, schlaflosen Nächten
presst sich das Laken auf dein Gesicht
und zeichnet die rote Linie Sehnsucht.
Auf dem Fußboden des Zimmers
liegt dunkler Staub.

Bau ein Haus aus Binsen und Stroh.
Falte Papier, und leg es aufs Wasser.
Vor allem: stich einen gelben Halm durch
ein weißes Blatt, und gib es
dem kalten Meerwind.

Rose Ausländer: Transzendenz

Gefangen wer
aus sich
nicht auswandern
nicht in sich einwandern kann
Luftländer
mit wunderbaren Trapezen
Lichtwärts schattenwärts
schwingend
Grenzen überschreiten
Nicht stolpern
über seinen
eigenen Schatten

Hans-Ulrich Treichel: Sommertag in Friedenau

Diesen Tag will ich loben,
obwohl ich des Lobes unkundig
bin, aber ich habe dem Glück
ein Aspirin geopfert und meinem
Leben eine Stunde im Straßencafé,
alle schoben ihre Räder heran,
niemand nahm mir die Zeitung weg,
alle blätterten in sich selbst,
die stillen, die träumenden Frauen,
ich sah ihre Schultern, ich trank
meinen Tee, diesen Tag will ich
loben, obwohl ich des Lobens,
des Lebens unkundig bin.

Gerhard Gundermann: Immer wieder ...

Als wir endlich groß genug warn
nahmen wir unsre Schuh,
die bemalte Kinderzimmertür fiel hinter uns zu,
Vater gab uns seinen Mantel und sein blauen Hut,
Mutter gab uns ihre Tränen
und machte uns ein Zuckerbrot.

Immer wieder wächst das Gras,
wild und hoch und grün,
bis die Sensen ohne Hass ihre Kreise ziehn.
Immer wieder wächst das Gras,
klammert all die Wunden zu,
manchmal stark und manchmal blass,
so wie ich und du.

Als wir endlich alt genug warn
stopften wir sie in den Schrank,
die allzu oft geflickten Flügel, und Gott sagte: Gottseidank.
Und nachts macht diese Stadt über uns die Luken dicht,
und wer den Kopp zu weit oben hat,
der find' seine Ruhe nicht.

Immer wieder wächst das Gras ...

Ingeborg Bachmann: Im Gewitter der Rosen

Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf dem Fuß.

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