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Laubenpieper dringend gesucht

Im Osten stehen viele Kleingärten leer, mancherorts gibt man sie auf – es fehlt an Nachwuchs

  • Von Andrea Hentschel, AFP
  • Lesedauer: 3 Min.
Laut einer Studie des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung liegt das Durchschnittsalter der Kleingärtner heute bei rund 60 Jahren. Und durch den Wegzug junger Leute fehlen potenzielle neue Pächter.

Leipzig. Deutschland ist das Land der Laubenpieper: Bundesweit werden mehr als eine Million Schrebergärten beackert. Doch die Idylle hat schon lange einen Riss. Denn während es in Großstädten kaum Nachwuchssorgen gibt, häufen sich vor allem in ländlichen Regionen Ostdeutschlands die Leerstände.

»In manchen Gartenanlagen liegt jede zweite Parzelle brach«, sagt Walter Strauß vom Landesverband der Gartenfreunde Sachsen-Anhalt. Durch die immer älter werdende Bevölkerung und den Wegzug junger Leute fehlen potenzielle Pächter. Mit Streuobstwiesen, »Tafelgärten« und dem Rückbau von Parzellen wird nun versucht gegenzusteuern.

Verwahrloste Parzellen

Kleingärten sind nicht nur Rückzugsgebiet für Tiere und Pflanzen, sondern für viele Deutsche auch liebste Freizeitbeschäftigung. Doch laut einer Studie des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung liegt das Durchschnittsalter der Kleingärtner heute bei rund 60 Jahren. Ein Drittel ist sogar zwischen 65 und 75 Jahre und stellt damit die stärkste Altersgruppe. Nur 21 Prozent sind jünger als 50 Jahre, 1997 waren das noch 26 Prozent.

Viele Pächter müssen ihren Garten deshalb aus gesundheitlichen Gründen oder altersbedingt aufgeben. In strukturschwachen Regionen Westdeutschlands und besonders in den neuen Ländern sind aber vor allem Wegzüge ein häufiger Grund für die Aufgabe des Gartens. Die Folge: Viele Schreberanlagen ähneln heute einem Flickenteppich aus beackerten und ungenutzten Parzellen. Die neuen Bundesländer treffe dies am härtesten, weil die Kleingartendichte dort seit jeher sehr hoch sei, sagt Theresia Theobald vom Bundesverband der Gartenfreunde (BDG). Während im Westen Deutschlands auf 1000 Einwohner sechs genutzte Kleingärten kommen, sind dies im Osten 36.

Auf der anderen Seite musste der Osten nach der Wende erhebliche Bevölkerungsverluste verkraften. Allein Sachsen-Anhalt verlor seit 1990 durch Abwanderung und Geburtenrückgang rund eine halbe Million Einwohner.

Das spürt auch Walter Strauß, der Vorsitzender des Gartenvereins »Bodenreform« in Haldensleben (Sachsen-Anhalt) ist. Von 165 Parzellen stehen in seinem Verein zehn leer. »Viele pendeln zur Arbeit ins benachbarte Niedersachsen, da bleibt keine Zeit für einen Garten«, sagt Strauß. In ganz Sachsen-Anhalt warten derzeit rund 15 000 Kleingärten auf Nachnutzer. Problematisch wird es, wenn die Parzellen dauerhaft brach liegen. »Verwahrloste Gärten wird man nur noch schwer los«, betont Strauß. Zudem müssen dann die anderen Vereinsmitglieder die Kosten mittragen. Manchmal erlassen die Kommunen die Pacht, doch viele Grundstücke gehören privaten Verpächtern.

Rückbaumittel gefordert

An kreativen Ideen zur Aufwertung der »Patchwork«-Gärten mangelt es nicht. Leerstehende Parzellen werden oft renaturiert, es werden Grünflächen oder Streuobstwiesen angelegt. In Zeitz in Sachsen-Anhalt etwa wurden ehemalige Kleingartenanlagen in Stadtparks umgewandelt.

Mancherorts werden aus den Grundstücken auch Lehrgärten für Schulkinder. Und in Leipzig und weiteren Städten gibt es sogenannte Tafelgärten, die von Arbeitslosen bewirtschaftet werden. Das Obst und Gemüse wird dann über die Tafeln an Bedürftige verteilt. Einige Gartenanlagen wurden inzwischen sogar komplett zurückgebaut – oder auch einzelne Gärten in Anlagen. »Ein Rückbau ist aber teuer und kostet 5000 bis 10 000 Euro pro Parzelle«, sagt Theobald. Die Kleingartenvereine könnten das allein nicht schultern. Der Kleingärtnerverband fordert daher öffentliche Fördermittel für den Rückbau ungenutzter Gärten, ähnlich wie beim Wohnungsbau.

Auch die Bundesregierung sieht den wachsenden Leerstand in Kleingartenanlagen »mit Sorge«. Das Bundesbauministerium hat deshalb ein Forschungsprojekt angeschoben, um Konzepte dagegen zu entwickeln, wie es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hieß.

Einen Lichtblick gibt es immerhin: In Großstädten ist die Nachfrage von Familien nach Kleingärten größer geworden. Mancherorts groß, dass es teilweise sogar Wartelisten gibt.

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