Hinab zum schlafenden Riesen

Im Kreidesee Hemmoor in Niedersachsen erwartet Taucher eine versunkene Industrielandschaft

17 Meter unter der Wasseroberfläche – ein gefluteter Mercedes-Laster
17 Meter unter der Wasseroberfläche – ein gefluteter Mercedes-Laster

Die frühe Sonne taucht den Kreidesee im niedersächsischen Hemmoor in ein warmes Licht. Das satte Grün alter Bäume umrahmt eine noch schlafende Welt, nur ein paar Stockenten ziehen durchs spiegelglatte Blau. Mit Mühle und Kirchturmspitze will das Panorama so gar nicht in mein Bild vom unscheinbaren Elbe-Weser-Dreieck passen. Aber was haben die Notruftelefone da am Ufer zu bedeuten? Und was hat es mit der merkwürdigen Straße auf sich, die am See beginnt und im selben verschwindet? Eine glitschige Buckelpiste, auf der weder Auto noch Fahrrad fährt und kein Mensch flaniert. Nirgendwo ist sie verzeichnet, nicht einmal Google kennt sie.

Schweigend legen wir unsere Tauchausrüstung an. Michael »Micha« Deckert, 48, wird heute mein Partner, mein Buddy, sein. Er ist Ausbilder in der Dive Station Hemmoor, kennt wirklich jede Ecke im Baggersee. Schnurgerade, leicht abfallend führt unsere Straße ins Wasser. Mit jedem Schritt scheint das schwere Equipment an Gewicht zu verlieren. Ein letztes »Okay«, schon schweben wir. Feinstes Sediment hat sich wie eine ockerfarbene Decke auf das Pflaster gelegt. Aber die Bordsteine geben uns Führung. Rechts des Weges erhebt sich eine Böschung mit blattlosen Büschen. Längst haben grünlich-gelbe Algen das schlanke Geäst besiedelt.

Bei exakt 6,8 Metern sehe ich für einen Augenblick nur Nebelschwaden, als ich das nur wenige Zentimeter starke Metalimnion durchstoße, welches besser als Sprungschicht bekannt ist. In diesem Bereich fällt die Temperatur schlagartig von 22 auf 17 Grad. Das Thermometer fällt weiter. Die Büsche rechter Hand der Straße sind einem kahlen Wald gewichen. Gespenstisch und unwirklich sieht dieser aus. Kapitale Barsche und Saiblinge ziehen durchs Gehölz. Wir tauchen durch eine stille und fremde Welt. Dabei ist es ein von Menschenhand geschaffenes Refugium.

Bis 1976 wurde Kalk aus der Hemmoorer Grube gefördert, der einst zum weltberühmten »Portland-Zement – beste Qualität – Hemmoor« veredelt wurde. Doch der Abbau des nassen Kalkgesteins rechnete sich letztlich einfach nicht mehr. Als dann die Pumpen demontiert wurden, lief das 1300 Meter lange, 700 Meter breite und 60 Meter tiefe Baggerloch in nur vier Jahren mit Grund-, Quell- und Regenwasser voll. Damit war das Schicksal von über 100 Jahren wechselvoller Industriegeschichte endgültig besiegelt, die 1866 mit der Gründung einer kleinen Fabrik begann, in der Kalk und Ton zu Zement gebrannt wurde. Der wurde später als Portland-Zement in kleine, mit Ölpapier ausgeschlagene Holzfässer gefüllt und über Oste und Elbe zum Hamburger Hafen und von dort aus in alle Welt verschifft. Mit dem zementierten Bauarbeiter die Röhren des alten Hamburger Elbtunnels genau wie Getreidesilos im brasilianischen Bahia, deutsche Kolonialarchitektur in Kamerun, Mietskasernen in Hongkong, ja sogar den Sockel der New Yorker Freiheitsstatue.

Ein altes Andreaskreuz reflektiert matt das Licht unserer Xenonlampen. Dahinter zeichnen sich vage Umrisse eines Betonklotzes von der Größe eines Luftschutzbunkers ab. Der Rüttler! Eine versunkene Industrieruine, wie es sie kein zweites Mal auf der Welt gibt. Vollbeladene Laster fuhren einst auf sein Dach und kippten ihr Kalkgestein über eine trichterförmige Stahlschütte in den Bauch der monströsen Maschine. Die tonnenschwere Fracht landete auf einem beweglichen Rost, der das Geröll heftig durchrüttelte. Während die Flintsteine im Gitter hängen blieben und später für den Straßenbau aufbereitet wurden, rieselte der kostbare Kalk in die Loren im Keller.

Ich steuere die Außenwand an. Auf dem grauen Beton verewigten sich Froschmänner vieler Nationen mit Kreide, direkt aus dem See. Am Geländer haben sie Quietsche-Entchen und andere Maskottchen montiert, 17 Meter unter Wasser. Und auf dem Rüttler parkt ein blauer Mercedes-Laster, als wolle er seine Ladung genau wie vor 40 Jahren abkippen. Am Steuer rekelt sich lasziv die schöne Lilly mit wilder Mähne und Partyschminke, eine Pulle Bier in Reichweite. Die Schaufensterpuppe sieht so deplatziert aus, dass es schon wieder lustig ist.

Wir tauchen kopfüber in den düsteren Stahlschlund. Der Druck nimmt zu, das Licht ab. Bei Meter 23 endet der Trichter abrupt. Wir sind im Bauch des Rüttlers gelandet. Weitere zwei Meter tiefer, gewissermaßen in seiner Magengegend, machen wir einen Sicherheitsstopp. Mein Buddy schaut, ob ich Anzeichen von Panik zeige. Zeige ich nicht. Noch schnell ein letzter Blick nach oben durch die Schütte ins dämmrige Licht. Dann tauchen wir seitlich weg. Sofort umfängt uns tiefschwarze Nacht. Mit dem Schein unserer Lampen tasten wir den rostigen Trichter ab, jetzt an seiner Außenseite, also im Lungenflügel. Vorsichtig gewinnen wir Höhe in einem enger werdenden Raum zwischen Stahl und Beton. Einen Fluchtweg nach oben gibt es nicht, da ist das Dach, das Schlüsselbein. Kein Ort für Klaustrophobiker. Im Falle einer Havarie müssten wir also erst nach unten, gegen jeden Instinkt. Ein Blick auf das Manometer meines Lufttanks mahnt uns zum Rückzug. Wir lassen uns durchsacken, hinunter in die schwache Dämmerung, in den Bauch. Wie hell und freundlich dieser jetzt wirkt. Im Trichter, in der Speiseröhre, gewinnen wir langsam an Höhe. Durch seinen Schlund verlassen wir den schlafenden Riesen.

Ganz allmählich gewöhnt sich der Körper an den fallenden Umgebungsdruck. Die Temperatur steigt, es wird immer heller und freundlicher. Eine Stunde waren wir Zeuge einer konservierten Vergangenheit. Jetzt hat uns die Gegenwart wieder. Mühle und Kirchturm strahlen in der Sonne. Die Glocken läuten, acht Uhr. Zeit fürs Frühstück.

  • Tauchbasis: 21745 Hemmoor, Dorfstraße 24, Tel.: (04771) 30-31, Fax: -18, E-Mail: post@dive-station-hemmoor.de, www.dive-station-hemmoor.de
  • Kreidesee Hemmoor: Der 60 Meter tiefe Baggersee gilt als die beste Tauchdestination in Norddeutschland.
  • Kurztauchreise vom 30.9.–3.10.11 inklusive Anfahrt ab Berlin und Gruppenunterkunft für 130 €Euro zzgl. Seegebühren, ggf. Ausrüstung bei Tiefenrausch, Stresemannstraße 48, 10963 Berlin, Tel.: (030) 26 55 16 16, E-Mail: info@tiefenrausch.eu, www.tiefenrausch.eu

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