Island-Tief zieht ab

Nach der Finanzkrise kam der Wirtschaftsboom

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 3 Min.
Island hat sich von der schweren Finanzkrise längst wieder erholt. Die Zeichen stehen auf Wachstum.

Nach dem Bankenkollaps 2008 wurde die isländische Wirtschaft heftigen Turbulenzen ausgesetzt. Die Arbeitslosigkeit stieg von zwei auf neun Prozent, die Kaufkraft sank um knapp zehn Prozent, Unternehmen wie Staat waren vom internationalen Kreditmarkt abgeschnitten. Der isländische Staat konnte die aus der Bankennationalisierung entstandenen ausländischen Forderungen, die das Bruttoinlandsprodukt des Landes bei Weitem überstiegen, nicht begleichen. Der Zwist mit Großbritannien und den Niederlanden über die bei der Pleite der isländischen Online-Bank Icesave verloren gegangenen Pensionseinzahlungen in Milliardenhöhe ist weiter ungeklärt, auch wenn sich eine Lösung allmählich abzeichnet.

Drei Jahre später hat sich das Bild jedoch deutlich gewandelt. Laut jüngsten Daten wächst die isländische Wirtschaft aktuell um über vier Prozent und alle Konjunkturindikatoren deuten darauf hin, dass das Wachstum auch in den nächsten Jahren anhalten wird. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken - teils auf Grund von Auswanderung insbesondere nach Norwegen und Dänemark, aber auch teils auf Grund von neuen Jobs -, der Warenexport ist kräftig angestiegen und sichert einen Außenhandelsüberschuss. Im Gegensatz zur weit verbreiteten Auffassung, dass Island nichts außer Fisch und Schafwolle zu exportieren Exportprodukte hat, ist die Insel der weltgroße Exporteur von Aluminium, das hier dank billiger Energie aus importiertem Bauxit geschmolzen wird. Darüber hinaus gibt es eine Reihe kleiner, hochspezialisierter Firmen, die sich wichtige Nischen auf dem Weltmarkt erobert haben. Außerhalb von Fachkreisen ist weitgehend unbekannt, dass Knie- und Hüftgelenke in großem Umfang »Made in Iceland« sind, wenn sie auf dem Weltmarkt angeboten werden.

Auch die spezialisierte Verarbeitungsindustrie sucht bereits wieder Fachkräfte, nachdem sie viele Fabriken in Ostasien geschlossen und die Produktion nach Island zurückverlagert hat. Der Grund dafür sind zuverlässige Arbeitskräfte im Inland, ein wieder stabiles Finanzsystem sowie eine Inlandswährung, die gegenüber den Welthandelswährungen Dollar und Euro kräftig abgewertet wurde; dies verbilligt im Inland produzierte Waren im Ausland.

Die Schwachstellen, mit denen die Wirtschaft weiterhin zu kämpfen hat, sind die weiterhin hohe Zahl von Firmeninsolvenzen sowie eine Inflationsrate über fünf Prozent. Die Zentralbank hat sich zum Ziel gesetzt, die Teuerungsrate auf 2,5 Prozent zu reduzieren, und kann dabei auf die Erfahrungen zurückgreifen, die die Reduzierung von rund 15 Prozent auf dem Höhepunkt der Krise auf das jetzige Niveau bewirkten.

Alles in allem beweisen die Isländer, wie bereits mehrfach in ihrer Geschichte, dass Krisen gleich welcher Art sie nicht aus der Bahn werfen können, sondern nur Anlass sind für einen Neubeginn. Der Optimismus ist soweit zurückgekehrt, dass die für 2013 erwartete Volksabstimmung zum EU-Beitritt inzwischen wieder offen ist und ein Nein gegenwärtig wahrscheinlicher ist als die von der Politik erhoffte Zustimmung.

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