Sucht und Stil

Die Dokumentation »A man within« über William S. Burroughs

  • Tobias Riegel
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf dem Sterbebett wandte er sich dann doch noch der Liebe zu. Sie, die Liebe, sei das natürlichste Schmerzmittel, das es gibt. So lautet der letzte Tagebucheintrag des Schriftstellers und Vorreiters der sogenannten Beat Generation, William S. Burroughs. Er hat es einerseits wissen müssen - mit Schmerzmitteln und allen möglichen anderen berauschenden Substanzen kannte sich jene Ikone der Pop-, Drogen-, Waffen- und Schwulenkultur schließlich aus. Die Liebe zu anderen Menschen bereitete dem frühen Mentor moderner gesellschaftlicher Gegenbewegung jedoch größte Schwierigkeiten.

Er sei der erste gewesen, der berühmt für Dinge geworden sei, die andere lieber verstecken wollten, sagt Trash-Regisseur Jon Waters in der neuen Dokumentation »A man within« über den Avantgardisten Burroughs, der immer mehr war als ein Schriftsteller, und der wie wenige andere moderne Einzelfiguren künstlerische und gesellschaftliche Tabus brach und zahllose Akteure der Popkultur bis heute fasziniert und beeinflusst. »Er war schwul, er war ein Junkie, er sah nicht gut aus, er hat seine Frau erschossen, und er hat über Arschlöcher und Heroin geschrieben. Er hat es einem nicht leichtgemacht, ihn zu mögen«, konkretisiert Waters in dem unterhaltsamen, gründlichen und mit teils unbekanntem historischem Material unterfütterten Porträt von Yony Leyser.

Er beginnt seine Annäherung an den Schöpfer damals wegweisender Bücher wie »Naked Lunch« (1959) oder »Junky« (1953) chronologisch mit der Kindheit in St. Louis, wo Burroughs 1914 als Kind von abgewirtschafteten Industriellen zur Welt kam. Havard-Studium und Europareisen folgten - Einflüsse, die wohl die Grundlage für Burroughs' spätere Erscheinung als so verkrampftem wie zuvorkommendem Gentleman legten, der er bis zu seinem Tod 1997 in Kansas treu blieb.

Da sich der zwischen furztrockenem Zyniker, verletzlicher Künstlerseele und eiskaltem Vampir changierende Wortakrobat immer vehement gegen jede Vereinnahmung gewehrt hat, ist die klare Zuordnung Burroughs‘ zur »Beat Generation« genannten Gruppe um Jack Kerouac und Allan Ginsberg fragwürdig. Vor allem nachdem Medien und Werbeindustrie den Begriff in den 50er Jahren entdeckten und entweihten, waren beim spleenigen Autor heftige Abgrenzungs-Reflexe zu beobachten. In dieser Ablehnung jeder Art von Inbesitznahme für »die Sache«, sei es von Schwulenaktivisten oder anderen Weltverbesserern, weist Burroughs durchaus Parallelen zu Bob Dylan auf. Letzterer musste sich ebenso gegen die erstickenden Umarmungen diverser »Bewegungen« erwehren.

Es gibt wohl wenige andere Autoren, die Künstler so vieler anderer Genres zu inspirieren wussten. Nicht umsonst treten in der Doku neben Vertretern der schreibenden Zunft (Allen Ginsberg, Anne Waldmann) Regisseure (Gus Van Sant, John Waters), Musiker (Iggy Pop, Grant Hart, Jello Biafra) und andre Künstler (Andy Warhol, Laurie Anderson) auf. Die Spuren des dürren Genius' lassen sich bei den Sex Pistols ebenso finden wie bei den Literaturtheoretikern des »New Criticism«.

Etwas zu kurz kommt in dem Film vielleicht die Literatur. Popstar hin oder her - die größten Leistungen vollbrachte Burroughs mit der Schreibmaschine. Oder auch mit der Schere, mit der er seine Texte zerschnitt, sie neu zusammenfügte und so die »Cut-Up«-Methode wenn schon nicht erfand, so doch weiterentwickelte. Zu hektisch geschnittenen Experimentalfilmen der 60er Jahre vernimmt man im Film zwar oft die sonore Stimme Burroughs' beim Textvortrag - etwa wenn er sein großes und schauriges »Thanksgiving Prayer« von 1986 rezitiert. Mehr literaturwissenschaftliche Einordnung des Oeuvres hätte aber sicher nicht geschadet. Denn jenseits der phänomenalen gesellschaftlichen Wirkung etwa von »Naked Lunch« würde man gerne Näheres über Inspiration, Bezüge und Stilistik erfahren.

Doch Regisseur Leyser fand es wohl spannender, sich auf Burroughs' Strahlkraft auf andere Akteure und Gebiete zu konzentrieren. Das ist nachvollziehbar, hat aber auch etwas Bequemes. Denn es ist erst einmal keine Kunst, aus einem Strauß künstlerischer Paradiesvögel, die ihre Jugenderinnerungen über Drogen, Subkultur und Waffen ausbreiten, eine leidlich unterhaltsame Dokumentation zu stricken. Unterm Strich aber hat Leyser ein facettenreiches Bild des so faszinierenden, wie fragwürdigen, wie tragischen enfants terrible gezimmert. In Archivbildern sieht man, wie Burroughs' Greisenhand von seiner alten unglücklichen Liebe Allan Ginsberg getätschelt wird. Es berührt zu wissen, dass er - außer bei Strichjungen - mehr Nähe fast nie zulassen konnte.

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