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Wer sind die Schlauen im Land?

Oper: Schwetzingen«

Öfter als man gemeinhin glaubt, verblüffen die Uraufführungen neuer Opern durch ihre emotionale Wucht. Oder durch den Reiz der Spurensuche nach verarbeiteter Musikgeschichte. Oder durch den Bühneninstinkt der Komponisten. Ob nun Altmeister Henze oder die nachfolgende Generation wie Glanert, Haas, Rihm, Trojahn oder Battistelli, um nur einige zu nennen. Sie alle können auch heute noch Triumphe feiern.

Der kontinuierliche Einsatz für das Neue gehört zu den unstrittigen Verdiensten der nunmehr auch schon in ihr sechzigstes Jahr gehenden Schwetzinger SWR-Festspiele. Es gehört aber zum Auftraggeber- und Veranstalter-Risiko bei jedem Schritt ins kompositorische Neuland, dass das auch mal schiefgehen kann.

So wie jetzt »IQ« von Enno Poppe. Wenn der Komponist und sein Texter Marcel Beyer mit ihrer »Testbatterie in acht Akten« die Praxis jener grassierenden Tests, die den ominösen IQ feststellt, ironisieren oder in Frage stellen wollten, dann haben sie das gut in der allzu selbstverliebten Abfolge immer neuer Prüfungsrunden versteckt. Sieben ausgeklügelt aussehende, doch allemal leicht nachvollziehbare Tests werden dann auch noch in einer endlos scheinenden Auswertungsrunde zusammengefasst.

Dass die geniale Bühnenbildnerin Anna Viebrock bei dieser Uraufführung, die der Komponist im Graben selbst dirigierte, auch als Regisseurin am Werke ist, beschert dem Ganzen zwar ein Testlabor mit wiedererkennbaren Klassenzimmer-Qualitäten, potenziert aber mit ihren stilprägenden Wiederholungsschleifen die zelebrierte Langeweile. Zumal die musikalische Substanz eher mager und obendrein für allzu viele Wortbeiträge (auch der als Probanden mitfungierenden Musiker des Klangforums Wien) ziemlich locker gewebt ist.

Man bleibt beim Referieren einer künstlichen Prüfungssituation und all den kleinen Nettigkeiten und Bosheiten, die dabei passieren können. Dass ein IQ, der weit nach »oben« abweicht, schon das Leben von solchen Wunderkindern dramatisch beeinflussen, davon ist in Schwetzingen nicht die Spur zu bemerken. Und wenn er sich weit nach unten bewegt? Das kann in den USA einen Exekutionskandidaten von der Todesmaschinerie der Justiz »retten«. Nichts davon. Auch nicht darüber, dass die tatsächliche oder vermeintliche genetische Disposition für Intelligenz das ganze Land in einen Debattenaufruhr zu versetzten vermochte,

Immerhin hat man genügend Zeit, sich in den nicht enden wollenden 90 Minuten eigene Gedanken zu machen. Im schönen Rokokotheater des Schwetzinger Schlosses wird man nämlich nicht allzu sehr davon abgelenkt. Diesmal jedenfalls.

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