Desaster für die Meinungsvielfalt

ZEITUNGSsterben: Endgültiges Aus für »France-Soir«

  • Von Ralf Klinksieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Ende kam per Gerichtsbeschluss: Das Pariser Handelsgericht verfügte die Liquidierung der Zeitung »France-Soir«. Es war ein Sterben auf Raten. Das Blatt wurde schon seit Ende 2011 nicht mehr in gedruckter Form vertrieben, sondern erschien nur noch im Internet und beschäftigte zuletzt 49 Mitarbeiter, davon 42 Journalisten. Entsprechend dem Gerichtsurteil werden in den nächsten Wochen der Titel, die Computer, die Papiervorräte, das Archiv und die Rechte an den früher erschienenen Artikeln der Zeitung meistbietend versteigert. »Dieses Ende im Klima allgemeiner Gleichgültigkeit ist jämmerlich. Die Liquidierung wurde in wenigen Minuten und ohne Begründung verkündet«, heißt es in einer Erklärung des Betriebsrats. »Der Tod von ›France-Soir‹ ist ein Desaster für die Meinungsvielfalt in der Presselandschaft.«

Tatsächlich geht mit »France-Soir« eine der über viele Jahre bekanntesten und erfolgreichsten Zeitungen Frankreichs unter. Sie war 1944 von dem charismatischen Journalisten Pierre Lazareff gegründet und bis zu seinem Tode 1972 geleitet worden. Zunächst erschien sie mit dem Doppeltitel »France-Soir-Défense de la France«. Der zweite Titel verwies auf ihre Nachfolge der illegalen Zeitung »Verteidigung Frankreichs« die ab 1941 in unregelmäßiger Folge erschienen und im Untergrund verteilt worden war. In den 1950er Jahren war »France-Soir« mit mehr als einer Million Exemplare die auflagenstärkste Zeitung des Landes. Den Höhepunkt erreichte sie 1957/58 mit 1,5 Millionen Exemplaren, abgesehen von einer Sonderausgabe zum Tod von General de Gaulle 1970 mit 2,2 Millionen.

Der langjährige Erfolg beruhte vor allem darauf, dass »France-Soir« früher als andere Zeitungen auf Themenvielfalt, attraktive Aufmachung mit zahlreichen und großen Fotos setzte und sich als »anspruchsvolles Blatt für die breite Masse der Franzosen« verstand, wie es Pierre Lazareff einmal formulierte. Zu ihren Reportern gehörten beispielsweise Joseph Kessel oder Philippe Labro, die später als Schriftsteller bekannt und erfolgreich wurden. Mit sieben Auflagen, die über den Tag verteilt wurden, war »France-Soir« stets aktueller als die Konkurrenz. Diese Position büßte das Blatt allerdings in den 1960er Jahren durch den Siegeszug des Fernsehens ein. Der Niedergang setzte 1972 mit dem Tod von Pierre Lazareff ein. Das Blatt wurde mehrfach verkauft, fiel in die Bedeutungslosigkeit ab und war bald defizitär. Keiner der neuen Besitzer und keine der Umstellungen - beispielsweise auf kürzere Beiträge und die Ergänzung durch ein Internet-Portal - schafften es, wieder zur Rentabilität zurückzufinden.

Zuletzt wurde »France-Soir« Anfang 2010 durch Alexander Pugatschow, Sohn des russischen Oligarchen Sergeij Pugatschow, gekauft. Er wollte das Blatt zur »Bild«-Zeitung Frankreichs machen. Dafür investierte er 75 Millionen Euro und hinzu kamen mehr als zehn Millionen Euro an öffentlichen Beihilfen. Doch auch Pugatschow konnte das Blatt nicht wenden und da er selbst kein Geld mehr nachzuschießen bereit war, musste er im Mai Zahlungsunfähigkeit anmelden.

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