Kleinkunst als Leidenschaft

Fritz Decho gestorben

  • F.-B. Habel
  • Lesedauer: 2 Min.
Oh, wie wirkungsvoll konnte er beleidigt sein, wie in äußerster Erregung seine Stimme erheben! Das hatte immer ein gutes Quentchen Theatralik, aber weil Theater doch das Leben widerspiegelt, meinte mancher Zeitgenosse, es wäre ihm ernst. Fritz Decho war es ernst, aber er merkte immer wieder schnell, dass er selbst nur oder gerade Theater war. Er war es in eigener Gestalt, so wie Fritz Kortner, den er bewunderte, Wolfgang Heinz, der ihn an die Volksbühne holte, oder Martin Hellberg, bei dem er in den fünfziger Jahren erstmals vor der DEFA-Kamera stand. Dass Decho keine ebenso große Wirkung erzielte wie seine Lehrherren, lag vielleicht in erster Linie daran, dass er das Kleine schätzte, die Miniatur. Die Kleinkunst wurde seine Leidenschaft, und er wurde in Ost-Berlin ihr ungekrönter König, als er in den sechziger und siebziger Jahren das Theater im 3. Stock der Volksbühne zum Geheimtipp für kunstvoll inszenierte literarische Programme machte. Wedekind, Tucholsky und Ringelnatz, Maximilian Scheer und Max Frisch, Gerhard Branstner und Heinz Kahlow hatten hier durch Decho eine Heimstatt. Nicht zu vergessen die Dichter der Antike, deren »Pfeile des Eros« vom Fernsehen aufgezeichnet und für gute Devisen in den Westen verkauft wurden. Dechos mehrfache Versuche seit den späten siebzigern bis in die neunziger Jahre, eine eigene literarische Bühne zu etablieren, schlugen fehl. Er wurde stattdessen in Kinderfilmen wie »König Drosselbart« oder »Kai aus der Kiste« ein beliebter Chargendarsteller und bereiste mit seinen Programmen und bewährten Partnern wie Marianne Wünscher und Gerry Wolff die Republik. Nach langer Krankheit ist Fritz Decho, der Meister des literarischen Theaters, am 1. Weihnachtstag kurz vor Vollendung des 71. Lebensjahres in Berlin gestorben.
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