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Vom Winde verweht – nach Sibirien und Spitzbergen

Was wurde aus wissenschaftlichen DDR-Einrichtungen? / ND-Serie Teil 3: Polarforschung Potsdam / Von GERT LANGE

Die Antarktisstation „Georg Forster“ wird derzeit abgerissen. Damit endet der von der DDR geschriebene Part der internationalen Polarforschung mit dem Schleifen der Relikte. Vom Winde verweht - im Eis versunken. Nicht die Station, die stand fest auf felsigem Grund, und sie wird auch sachgerecht entsorgt. Aber die Geschichten, die darin gelebt, die Hoffnungen, in der Schirmacher-Oase des Königin-Maud-Landes weiter forschen zu können, verlieren ihre Stätte.

Die Nachricht von der Schließung der Station hat den Eindruck erweckt, als werde die Nabelschnur ostdeutscher Wissenschaftstradition nun endgültig auch im Eis Antarktikas gekappt. Aber dem ist nicht so. Die Polarforschung in Potsdam, von Anbeginn antarktischer Unternehmungen der DDR deren organisatorisches Zentrum, erfreut sich kräftiger Progression.

„Georg Forster“ aber mußte geschlossen werden. Vieles war verschlissen, die Dieselelektrostation entsprach nicht mehr den Sicherheitsbestimmungen. Deshalb hatte die DDR-Regierung beschlossen, 1989/90 eine neue Station zu bauen. Dazu kam es nicht mehr. Nach der Vereinigung dftr-beideH-deatseb

Schließung der Station geltend gemacht: Wenn, geschätzt, etwa 80 Prozent der relevanten Fragestellungen erforscht seien, müsse man für die restlichen 20 Prozent nicht noch einmal viele Millionen ausgeben. Da sei es besser, sich auf anderem Terrain umzusehen.

Es ist dem Engagement des damaligen Vorsitzenden der Evaluationskommission, Pro-

fessor Gotthilf Hempel, und den Kuratoriumsmitgliedern des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) zu danken, daß sie das Erfahrungspotential der DDR-Polarforschung am angestammten Ort erhalten wollten. Im Januar 1992 kam es zur Gründung der Forschungsstelle Potsdam des AWI. Viele Spezialisten, Isoto-

penchemiker aus Leipzig, Atmosphärenphysiker aus dem Observatorium Lindenberg (bei Beeskow), konnten gewonnen werden. Die Forschungsstelle hat heute etwa 60 Mitarbeiter, davon 40 auf festen Stellen. Sie sind, neben der Verwaltung, auf zwei Bereiche aufgeteilt, auf die Geowissenschaftliche Periglazialund Polare Atmosphärenforschung.

Im Südsommer - also wenn bei uns Winter ist - brachen Wissenschaftler mehrmals von ihrer Basis „Georg Forster“ in die Schirmacher-Oase auf und fuhren mit Motorschlittenzü-

gen über den Inlandgletscher ins etwa 90 km entfernte Wohlthatmassiv 1993/94 begab sich zum ersten Mal eine deutsche Expedition in die Bunger-Oase (Ostantarktika). Ihr Highlight: Der mit 13,80 m längste aus einem antarktischen Binnensee gezogene Sedimentkern. Die Idee, aus den ungestörten Ablagerungen polarer Seen Bohrkerne zu gewinnen und daran die Klimageschichte der letzten 30 000 Jahre zu erforschen, hat sich als ergiebig erwiesen. Im vergangenen Jahr wurden derartige Sondierungen auch auf Grönland vorgenommen.

Als ein weiteres neues Einsatzgebiet wählten die Potsdamer Polarforscher das nördliche Mittelsibirien, genauer: die Taimyr-Halbinsel. Allein in diesem Jahr waren fünf Expeditionsgruppen unterwegs, um gemeinsam mit russischen Kollegen die Rätsel der Permafrostböden aufzuklären. Ihr Ziel ist es, Auswirkungen von Klimawechseln auf die Landschaft zu erkennen und, umgekehrt, die Folgen von Bodenveränderungen für das globale Klima abzuschätzen. Wieviel Methan wird frei, wenn die Permafrostböden teilweise auftauen? Den sibirischen Frostböden und Schelfmeeren wird die Funktion eines Kippschalters zugeschrieben, falls der Treibhauseffekt zu einer Klimaänderung führen sollte.

Der Atmosphärengruppe obliegt die Betreuung der deutschen Arktisstation „Karl Koldewey“ auf Spitzbergen. Schwerpunkte der Forschungen sind die Variationen des Ozons sowie der anderen atmosphärischen Spurenstoffe und des “Aerosols. Die längste Meßreihe zur vertikalen Verteilung des Ozons in der Antarktis wird an der Station „Neumayer“ fortgeführt. 1985 war sie auf „Georg Forster“ begonnen worden und hatte erstmals gezeigt, in welchen Höhen das Ozonloch auftritt.

Nicht zu vergessen die vielen Einsätze auf dem modernen Forschungsschiff „Polarstern“ sowie die Beteiligung an Expeditionen anderer Institutionen und Länder Die Arbeitsbedingungen der Potsdamer Polarforscher haben sich wesentlich verbessert. Die Kapazitäten wurden erweitert, die Perspektive scheint auf absehbare Zeit gesichert - ein Beispiel gelungener Ost-West-Integration.

(Teil 1. Institut für Humanontogenetik, Humboldt Universität Berlin, 15. 9 1995, Teil 2: Sternwarte Sonneberg, 6. 10. 1995)

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